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Markttreiben am Rathaus

Markttreiben am Rathaus

Niederschlesien

Breslau begeistert


Die niederschlesische Metropole Wroclaw gehört nicht zu den touristischen Hotspots, in denen sich die Partypeople aus aller Welt gegenseitig auf den Füßen stehen. Doch die europäische Kulturhauptstadt von 2016 lohnt durchaus den Besuch! Insider schwärmen von der "schönsten Stadt Polens". Grund genug also, die tausendjährige Stadt für einen Städtetrip zu empfehlen. Auch das Umfeld mit seinen Schlössern und Gebirgen ist die Reise wert.
Breslau, das im Verlauf seiner Geschichte zwischen den polnischen Piasten, Böhmen, den Habsburgern und Preußen wechselte, gehört heute wieder zu Polen. Die Stadt zeigt sich weltoffen. In dem von den Liberalen regierten Wroclaw studieren 140.000 Studenten an 27 Universitäten und Hochschulen. Abends treffen am Ring oder im Toleranzviertel Jugendliche auf Touristen, die rund zur Hälfte aus der Bundesrepublik kommen. Spannend ist die Pokoyhof-Passage aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert mit Szene-Cafés, Klubs sowie Restaurants und Galerien. Die offensive Einmischung der reaktionären katholischen Kirche in das Leben und die Politik wird hier abgelehnt.

Ankunft der Gummiboottour auf der Glatzer Neiße in Bardo Wartha

Ankunft der Gummiboottour auf der Glatzer Neiße in Bardo Wartha

Die Universität am Abend

Die Universität am Abend

Oderbrücke mit Blick auf die Dominsel

Oderbrücke mit Blick auf die Dominsel


Das historische Herz der Stadt ist der Breslauer Ring, kurz Rynek genannt. Hitler erklärte die Stadt 1944 zur Festung, so dass der Krieg mit Häuserkämpfen bis in den Mai 1945 ein einziges Trümmermeer hinterließ. Das bekannteste Bauwerk am Rynek ist das originalgetreu wiederaufgebaute Rathaus. Das reich mit Blendmaßwerk verzierte Gebäude gehört zu den schönsten gotischen Profanbauten in Europa. Meistfotografiert ist die astronomische Uhr...
Aus der antikommunistischen "Orangen Alternative" der 1980er Jahre stammt der Zwerg, der sich gegen die Herrschenden stellte. Heute verteilen sich mehr als 300 dieser kleinen Gesellen über die Stadt. Hier sponsert eine Bank einen Zwerg vor einem Miniatur-Geldautomaten, dort steht er vor dem Hotel mit zwei Koffern. 2019 hat er sich sogar auf die Reise gemacht: Zum 60jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft wanderte ein Zwerg mit beiden Stadtwappen vor das Neue Rathaus in Dresden.
An einem Bürgerhaus am Ring weht die grün-weiße Fahne, Heimat der Sächsischen Gesandtschaft. Die Polen würdigen die Beziehungen zwischen den benachbarten Regionen Niederschlesien und Sachsen. Im Barocksaal "Oratorium Marianum" der Universität spielten Niccoló Paganini, Clara Wieck, Anton Rubinstein, Franz Liszt, Hector Berlioz oder Johannes Brahms auf. Stolz erklärt mir Stadtführerin Katarzyna Sroka, dass die Freskendecke 2013/14 von Christoph Wetzel restauriert wurde. Der habe auch die Kuppel der Dresdner Frauenkirche ausgemalt!

Mit dem Mountain Bike durch das Glatzer Bergland

Mit dem Mountain Bike durch das Glatzer Bergland

Einstiges Silberbergwerk in Reichstein

Einstiges Silberbergwerk in Reichstein

Die pompöse Aula der Universität

Die pompöse Aula der Universität


Das wiederaufgebaute Universitätsgebäude wird vom Mathematischen Turm bekrönt, von dem aus sich der Blick über die Altstadt und die historische Dominsel bis zum 212 Meter hohen, postmodernen Skytower öffnet. Die gotische Backsteinkirche St. Elisabeth steht direkt am Rynek. Zum Leidwesen der Kirchenleute ließ sich der Kupferbildhauer Eugeniusz Get-Stankiewicz (1942-2011) gegenüber im kleinen Hänselhaus nieder. Der bekannte Künstler brachte an seiner Hausfassade ein provozierendes Kunstwerk an: Ein Kreuz, ein Hammer, drei Nägel und Jesus. Titel des Werks: "Do it yourself". Unterwegs zur Dominsel fallen mir weiße Flugblätter an Kirchenbauten auf. "Polen wählt am Wochenende", erläutert mir Katarzyna. Und die Kirche würde die Bürger dazu aufrufen, für die rechtspopulistische PiS-Partei zu voten. "Wählen können wir alleine!" fügt die Stadtführerin lächelnd hinzu.
Am Zugang zur Dominsel ragt zur Linken ein gotischer Sakralbau empor. Zu meiner Verblüffung stehen mit der Bartholomäuskirche und der Heilkreuzkirche zwei Kirchensäle des 13. und 14. Jahrhunderts direkt übereinander! Nach 1500 wirkte hier Nikolaus Kopernikus als Stiftsherr. Mit seinen beiden Spitzen überragt der gewaltige Dom St. Johannes sein weites Umfeld. Der Wiederaufbau wurde erst 1992 abgeschlossen. Hervorzuheben ist die Kurfürstenkapelle, die zu den bedeutendsten Barockbauten Polens gehört. Sie wurde 1716-1724 nach Plänen von Johann Bernhard Fischer von Erlach errichtet.

Souvenirstand auf dem Ring

Souvenirstand auf dem Ring

Blick von der Maria Magdalenenkirche

Blick von der Maria Magdalenenkirche

Bizarre Gebilde im Heuscheuergebirge

Bizarre Gebilde im Heuscheuergebirge


Der Wohlstand der Breslauer Bürgerhäuser setzt sich im Umfeld der Stadt fort. Südlich von Breslau, auf dem Weg in das Glatzer Bergland, laden heute aufwändig renovierte Schlösser als Wellness-Oasen ein. Auf das 14. Jahrhundert zurück geht das Luxushotel "Sieben Weiher" (Uroczysko Siedmiu Stawów), Polens erstes Spa by L'Occitane. Auch die hervorragende Küche begeistert. In hervorragendem Zustand präsentiert sich Bad Altheide (Polanica-Zdrój) am Südhang des Heuscheuergebirges. Das Fünf-Sterne-Hotel Irena Eris wurde dreimal als bestes Luxushotel Polens ausgezeichnet. Wie das Hotel "Sieben Weiher" wartet es als Teil der "kulinarischen Route" mit einer ausgefallenen Küche auf.
Bad Altheide ist uns Ausgangspunkt für Fahrten in die umliegenden Gebirge: "Gott schuf die Welt in sechs Tagen, am siebten Tag erholte er sich im Glatzer Land!" heißt es im Reiseführer. Das Heuscheuergebirge erinnert mit bizarren Sandsteinformen an die Sächsische Schweiz. Besonders beeindruckend ist der von Wind und Wetter geschaffene Erlebnispfad "Wilde Löcher". Die Tour ist für schlanke Wanderer geeignet und bei Klaustrophobie ein "no go".
Spaß für jeden bietet eine Schlauchbootfahrt auf der Glatzer Neiße (www.ski-raft.de). Für zehn Euro pro Mitfahrer führt sie von Labitsch (Labica) zum Wallfahrtsort Wartha (Bardo). Rührselige Dankesbilder erinnern in der Kirche Mariä Heimsuchung an den Besuch von Pilgern. Kaum vorstellbar, dass zur 1000-Jahrfeier Polens im Jahr 1966 rund 160.000 Menschen in den entlegenen Ort strömten! Wir aber genießen zum Abschluss das fast südländische Flair von Wartha bei frisch gebratenen Forellen am Neißeufer.

www.polen.travel

Wort & Bild: Uwe Schieferdecker