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Melanie Vogel aus Dresden durchquert Kanada zu Fuß

Melanie Vogel aus Dresden durchquert Kanada zu Fuß

Melanie Vogel aus Dresden durchquert Kanada zu Fuß

Zwischen den Ozeanen


Seit fast vier Jahren wandert Melanie Vogel durch Kanada. Als erste Deutsche erschließt sie sich das zweitgrößte Land der Erde zu Fuß - eine Reise vom Atlantik zum Pazifik.
"Ich kann nicht mehr." Melanie Vogel heult und schreit. "Ich kann einfach nicht mehr." Sie legt den Kopf in den Nacken, schaut sich um, atmet schwer, ruft die Worte in den wintergrauen Himmel, bleibt stehen, läuft weiter. Die verschneite Straße gen Berggipfel hinauf. "Langsam, aber stetig, langsam, aber stetig", murmelt sie jetzt vor sich hin. Kaum hörbar formen ihre Lippen die Worte, das Mantra, das ihr in schweren Momenten hilft, sie mental wieder aufbaut, einmal mehr motiviert, für den Trip ihres Lebens, die Wanderung durch das zweitgrößte Land der Erde. Kanada. Einmal von Ost nach West, einmal vom Atlantik zum Pazifik. Mit einem Abstecher hoch an den Arktischen Ozean.
Im Internet nimmt Melanie ihre Follower mit auf die Reise, weint vor der Kamera, wenn sie vor Müdigkeit, Kälte, Schmerzen, Erschöpfung einmal nicht mehr kann. Singt vor der Kamera, wenn sie sich darüber freut, dass die Sonne scheint, die Welt weit und schön ist und sie frei. Kuschelt vor der Kamera mit Malo, dem eigentlichen Social Media Star, der sich exakt in der Mitte des Landes zu ihr gesellt hat. Bei allem Abenteuer - den Moment, als Melanie auf den sandfarbenen Hund traf, nennt die Extremwanderin den "Höhepunkt" ihrer Reise. Nun trägt er Stoffschuhe gegen die Kälte, ist geimpft, kastriert und hat seinen eigenen Schlafsack.
Seit fast zwei Jahren ist das Tier nun mit auf Tour, Melanie selbst ist seit fast vier Jahren unterwegs. Damit hat sie mehr Verspätung als die Deutsche Bahn. "Ich laufe jetzt schon über ein Jahr länger als geplant." Mitte 2017 war die Wanderung losgegangen, in Cape Spear, Neufundland, östlichster Punkt des nordamerikanischen Kontinents. Seitdem folgt Melanie der grünen Linie, die auf der Karte den sogenannten Great Trail markiert, einen Wanderweg durch das ganze Land. Rund 27.000 Kilometer lang führt er über stillgelegte Bahntrassen, Pfade, Wege, aber auch oft an Straßen und Highways entlang sowie durch viele kleinere und größere Orte - unter anderem durch die größten Städte Québec, Montréal, Toronto und Ottawa. Es ist kein Trip durch Kanadas Wildnis inklusive Rentierjagd und Lachsfang. Das Essen kommt aus dem Supermarkt. Und dennoch geht es manchmal ums Überleben.
Melanie erinnert sich noch gut an ihren ersten Winter, an die eine Nacht, da sie bis vier Uhr morgens durchlief. "Ich hatte lähmende Angst. Angst zu erfrieren, wenn ich mein Zelt aufschlage und die Augen zu." Minus 20 Grad habe es damals gehabt, "es war also verhältnismäßig warm", sagt die 46-Jährige heute und lacht. Sie erinnert sich, wie sie durch die Dörfer geschlichen war "wie eine Diebin", auf der Suche nach einem geschützten Platz zum Campen, während "ich hinter den Fenstern die Menschen in ihren warmen Zimmern sitzen sah." In diesen Stunden habe sie an das Mädchen mit den Schwefelhölzern denken müssen. "Ich kam mir vor wie sie." Doch anders als das Kind in Hans Christian Andersens Märchen würde sie nicht erfrieren. Melanie checkte am nächsten Tag im "Happy Motel" ein, vollkommen unhappy über ihr "Versagen".

Kanada - Zwischen den Ozeanen

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Während sie erzählt, sich an die Anfänge ihrer Reise erinnert, fällt es der gebürtigen Sächsin manchmal schwer, die richtigen Worte in ihrer Muttersprache zu finden. Seit 14 Jahren lebt sie in Kanada, hat sich auf das Interview vorbereitet, indem sie Dinge, die ihr wichtig sind, und die sie sagen möchte, mit einem Übersetzungsprogramm ins Deutsche übertragen hat. Zugleich dehnt sie das "au" von "auch" immer noch zu einem "ooch" und wenn sie etwas nicht weiß, dann "weeß sie es gerade" nicht. Doch Melanie sucht nicht nur nach Worten, sondern auch nach Namen und Details. Manchmal fällt es ihr schwer, sich in allen Einzelheiten an das zu erinnern, was sie in den vergangenen vier Jahren erlebt hat, an all die Menschen, die die Wanderin unterstützt haben, ihr Schokolade zusteckten, Sandwiches, Bananen, Äpfel, sogar Geldscheine zum Autofenster rausreichten. "Seit ich mit Malo laufe, bekommen wir natürlich auch Futter und Leckerlies."
Dann gerät die junge Frau wieder ins Stocken bei dem Versuch, sich an einen bestimmten Namen zu erinnern: "Charles Collin!" ruft sie endlich aus. "Er hieß Charles Collin!" Das sei in der Provinz New Brunswick gewesen, also ganz am Anfang. "Im ersten Winter." Kurz nachdem die studierte Soziologin - damals noch ohne Hund - den Great Trail entlanggestreunt war und frustriert im Happy Motel landete. "Damals habe ich beschlossen, dass es so nicht weitergehen kann, ich aber weitergehen will und etwas ändern muss." Diese Entscheidung habe sie in einen Baumarkt geführt, wo sie einen Kinderschlitten kaufte. "Damit ich meinen 25-Kilo-Rucksack nicht mehr tragen muss." Und dann kam Charles Collin ins Spiel. Er sprach sie vor dem Geschäft an, neugierig geworden beim Anblick ihrer Ausrüstung. Sie unterhielten sich und wenige Minuten später machte sich Melanie zum ersten Mal nach jener furchtbaren Nacht wieder auf den Weg. "Ich laufe also den Highway entlang, raus aus der Stadt, als ich ein Auto sehe, das am Straßenrand parkt. Ein Mann steigt aus, ich erkenne Charles Collin wieder." Der Kanadier hatte auf sie gewartet und zog nun einen Expeditionsschlitten von der Ladefläche seines Pickups, den er der deutschen Abenteurerin schenkte. "Weil er sich für meine Zwecke besser eignete als ein Kinderschlitten."
Es sind Geschichten wie diese und es sind unzählige, die Melanie auf ihrer Wanderschaft erlebt. "Die Freundlichkeit der Kanadier ist zu meiner Hauptstory geworden - deren Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft!" Auch jetzt in Zeiten der Pandemie, in denen sie nicht weiterlaufen kann, ist sie nicht allein. "Ich war gerade auf dem Highway nach Whitehorse im Yukon unterwegs, als eine Frau in ihrem Wagen neben mir anhielt." Alles in Ordnung? habe sie gefragt und Melanie spontan zu sich nach Hause eingeladen. Was die Reisende da noch nicht wusste: Die geplante einmalige Übernachtung würde in einen dreieinhalb-monatigen Aufenthalt bei Jeannette und ihrem Mann Rodger münden, denn so lange dauerte es, bis die Behörden die Reisebeschränkungen nach der ersten Covid-Welle wieder lockerten.

Kanada - Zwischen den Ozeanen

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Eigentlich hatte Melanie ihr Abenteuer dazu nutzen wollen, in der Wildnis selbstständiger zu werden, zu lernen, dort ohne Hilfe auszukommen. Zuvor hatte sie Geld angespart und sich ein gutes Jahr lang vorbereitet - die Ausrüstung gekauft, an einem Überlebenstraining teilgenommen, Ratgeber gelesen, Sport gemacht. Dass ihr Weg oft durch besiedelte Gebiete führt, das Zelt im Rucksack bleibt, weil sie jemand zu sich nach Hause einlädt, stört die Wahlkanadierin jedoch nicht. "Ich brauche das auch immer wieder - mal durch Gemeinden kommen, Menschen begegnen. Ich empfinde mich als sehr soziales Wesen." Sie lacht. Zudem ermöglichten ihr die Begegnungen, Land und Leute richtig kennen zu lernen.
Und bei aller Unterstützung, das Zelt kommt oft genug zum Einsatz, sie hat ihr Ziel - dabei noch gar nicht am Ziel - schon erreicht: "Ich bin jederzeit in der Lage, mich selbst zu versorgen und draußen zu übernachten, mittlerweile auch im Winter." Nach der Niederlage zu Beginn hatte sie die grüne Linie auf der Landkarte eines Tages bei einem Paar in Québec vorbeigeführt. "Sie hatten Erfahrung mit Wintercamping, gaben mir Tipps und anstatt bei ihnen im Haus zu übernachten, baute ich mein Zelt daneben im Schnee auf." Ein andermal campierte Melanie während eines Schneesturms ganz bewussst auf einem offenen Feld. "Jetzt weiß ich, dass die Heringe auch bei starkem Wind im Boden bleiben." Bei bis zu minus 40 Grad Kälte hat sie schon draußen übernachtet.
Dass das nicht nur eisig, sondern mitunter recht unromantisch ist, spiegeln ihre Einträge auf Facebook und Instagram wider, in denen sie unter anderem beschreibt, wie sie am Alaska Highway in Haltebuchten campiert. "Die Alternative wäre, über Schneeverwehungen zu steigen und abseits der Fahrbahn im Tiefschnee zu übernachten, was fast nicht möglich ist." Also versucht sie, sich neben parkenden Trucks so unsichtbar wie möglich zu machen und schreibt: "In jener Nacht, da ich versuchte, mich zwischen Mülleimern in die Landschaft zu integrieren, glaubte ich, meine Würde verloren zu haben." Doch dann postet Melanie wieder Bilder, auf denen ihr Zelt wie eine große Laterne mitten in der Wildnis steht, so grün leuchtend wie die zaghaften Andeutungen der Polarlichter darüber. Ihre Follower begleiten sie in den Social Media, als sie vor einer Schulklasse spricht und danach die Kinder in ihrem Alltag beobachtet: "Sie gleiten auf ihren Skiern bei Sonnenuntergang durch die Berge nach Hause, am nächsten Tag schießt ein 15-jähriges Mädchen einen Elch, und während alle gemeinsam helfen, das Tier aus dem Busch zu holen, erkenne ich, dass meine Abenteuer schnöder Alltag anderer Kulturen sind."
Das Gefühl, das sie als "lähmende Angst" in jener Winternacht beschreibt als sie das Mädchen mit den Schwefelhölzern war, sagt Melanie, sei gewichen. "Ich habe in den letzten vier Jahren so viel Erfahrung gesammelt, dass ich mich sicher fühle. Dennoch bin ich immer wachsam."
Hat sie wirklich nur Angst vor der Kälte? Sind alle Kanadier nett? Was ist mit wilden Tieren, Bären zum Beispiel? Fürchtet sie sich nicht vor ihnen? Gab es in all den Jahren der Wanderung keine Momente der Gefahr? Erinnerungen werden wach an die Geschichte, die im Sommer 2019 in den Medien kursierte: Zwei Teenager von der Westküste waren zu einem blutigen Roadtrip aufgebrochen, um aus reiner Mordlust drei Menschen umzubringen, die ihnen begegneten, zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Melanies Stimme wird eine Nuance leiser, als sie sagt: "Hätte ich meinen Zeitplan eingehalten, wäre ich ungefähr zu jener Zeit am Alaska Highway entlanggelaufen, in der sie dort ein Backpacker-Pärchen erschossen."
Seit Beginn gehört ein so genanntes Inreachgerät zu ihrer Ausrüstung, ein Gerät, so groß wie ein Smartphone etwa, befestigt an einem ihrer Rucksackträger. "Damit sende ich jeden Abend meine GPS-Daten an einen Freund in Toronto und seit ich im einsamen Yukon unterwegs bin, an die Ortspolizei." Falle ihr etwas Ungewöhnliches auf, sende sie außerdem eine kurze Notiz, etwa: "Schon zum zweiten Mal fährt ein Pickup an meinem Zeltplatz vorbei, ich bin mir nicht sicher, ob das Zufall ist."
Noch immer erinnert sie sich an den Typen, dem sie in der Wildnis begegnete, und der sie zu sich in seinen Wohnwagen einludt. Als sie dankend ablehnte, sagte er: Naja, vielleicht änderst du deine Meinung ja noch, ich schaue später mal nach dir. "Da bin ich gerannt. So lange, bis ich das erste Haus eines Dorfes sah." Der Vorfall brachte sie damals zum Weinen, ein Video auf YouTube zeigt sie mit Tränen im Gesicht durch den Busch laufen, während sie die Kamera anschreit als wäre sie der Typ: "Wie kannst sowas mitten im Wald zu mir sagen, wenn du genau weißt, dass ich alleine unterwegs bin? Das macht mir Angst, hörst du? Das macht mir Angst, du Idiot!"
Ihre Begegnungen mit wilden Tieren verliefen bisher harmonischer und kamen nur selten vor. "Einmal hörte ich in der Nähe meines Zeltes einen Bären schnaufen, ein andermal habe ich einen Koyoten gesehen, ein paar Mal Rentiere, morgens um fünf kam mal ein Wolf zu Besuch." Der sei nur neugierig und überhaupt nicht aggressiv gewesen. Viel mehr machten ihr und Malo die kleinen Tiere zu schaffen: Zecken hätten es vor allem auf ihren vierbeinigen Begleiter abgesehen und im Sommer seien Mücken eine echte Plage.
Manchmal, wenn Melanie Vogel mit einem Kaffee vor dem Zelt sitzt, in ihr Tagebuch schreibt oder mit ihrem Hund im Schlafsack kuschelt, stellt sie sich den Moment vor, da sie endlich am arktischen Ozean stehen wird. "Schon jetzt habe ich dann Tränen in den Augen."

Kanada - Zwischen den Ozeanen

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Melanie Vogel

Melanie Vogel

Melanie Vogel

Melanie Vogel


Melanie Vogel, 45 Jahre alt, ist im sächsischen Kamenz aufgewachsen. Nach ihrem Soziologie-Studium in Dresden, arbeitete sie einige Jahre lang im Eventmanagement. Mit Anfang 30 wanderte sie nach Kanada aus, wo sie seit rund 14 Jahren lebt. In Vancouver arbeitete sie im Stadtmarketing, wohnte später in Toronto. Am 2. Juni 2017 trat sie die Wanderung auf dem Great Trail, einmal quer durch Kanada, an. Die Idee dazu kam ihr nach einer Reise in den Jahren 2011 bis 2013 durch Asien, Australien und Neuseeland. Nach ihrer Rückkehr fiel es ihr schwer, wieder sesshaft zu werden und sie suchte nach neuen Abenteuern.
Der Great Trail, bis 2016 als Trans Canada Trail bekannt, ist einer der längsten Wanderwege der Welt. Samt Wasserstraßen umfasst er rund 27.000 Kilometer. Bisher sind nur wenige die gesamte Strecke abgelaufen. Als erster schaffte es der Kanadier Dana Meise; mit Unterbrechungen über einen Zeitraum von zehn Jahren.
Auf Facebook, Instagram und ihrer Website www.betweensunsets.com nimmt Melanie Vogel die Menschen mit auf ihre Reise. Sie hofft, noch in diesem Jahr am Pazifik anzukommen. Danach möchte sie einen weiteren Traum verwirklichen und ein Buch schreiben - über den Trip ihres Lebens.
Die Reise finanziert sich Melanie Vogel durch Erspartes. Im Jahr 2019 erhielt sie zudem das Stipendium "Women's Expedition Grant by the Royal Canadian Geographical Society". Hersteller von Outdoorausrüstung wie auch Menschen, denen sie auf ihrem Weg begegnet, unterstützen Melanie Vogel materiell. Immer wieder laden Anwohner sie zu sich nach Hause ein. Nachdem viele Kanadier sowie US-Amerikaner online angefragt hatten, ob sie Geld überweisen können, hat die Abenteurerin eine Spendenwebsite eingerichtet.


Wort: Uta-Caecilia Nabert / Bild: Melanie Vogel