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Cashel Mountjudkin

Cashel Mountjudkin

Old Library im Trinity College von Dublin

Old Library im Trinity College von Dublin

Minikontinent Irland

Reif für die Insel


Irland, die Grüne Insel, liegt in unserer Wahrnehmung ganz am Rande des Kontinents. Gut, feine Butter, Whiskey und Pubs fallen uns auf Anhieb ein. Und momentan taucht das Land häufiger als sonst in den Nachrichten auf. Der Grund aber ist einmal mehr die europäische Randlage, die durch einen Brexit noch weiter verstärkt würde.
Die unangefochtene Metropole und Hauptstadt Dublin hat in den vergangenen Jahrzehnten eine atemberaubende Entwicklung hingelegt. Auch wenn die irische Kapitale nur 560.000 Einwohner zählt, weiß sie durch Traditionen ebenso wie durch moderne Architektur zu punkten. Seit 1759 wird in Dublin das Guinness gebraut. Der historische Stadtteil Temple Bar am Südufer des Flusses Liffey gilt inzwischen als das Amüsierviertel der Stadt. Des Abends schallt über das Kopfsteinpflaster der engen Gassen Livemusik aus den vielen Pubs.
Genau vor einhundert Jahren hatte Irland 1919 seine Unabhängigkeit von Großbritannien erklärt. Der nachfolgende Krieg der Briten gegen das irische Volk hinterließ eine blutige Spur der Verwüstung, gerade auch in Dublin. Inzwischen sind viele der zerstörten Baudenkmale rekonstruiert. Nach dem Unabhängigkeitskrieg haben die Iren allerdings viele Zeugnisse der britischen Kolonialherren entsorgt. Darunter auch das Reiterstandbild von King George II., dass man für einen Spottpreis an Birmingham vertickte.
Den Krieg glücklicherweise überstanden hat das prächtig verzierte "Book of Kells" aus dem 8. Jahrhundert. Jene schönste westeuropäische Handschrift des Mittelalters ist in der Old Library zu besichtigen. Überhaupt die Schriftsteller: Drei der vier irischen Literatur-Nobelpreisträger stammen aus Dublin, der vierte lebte hier: William Butler Yeats, George Bernhard Shaw, Samuel Beckett sowie Seamus Heaney. Ihrer wird im Dublin Writers Museum gedacht. Ein guter Tipp für die Regentage.

Kylemore Castle in Connemara

Kylemore Castle in Connemara

Irland

Irland

Poulnabrone Dolmen

Poulnabrone Dolmen



Ganz und gar nicht peripher ist Dublin für die New Economy. Niedrige Steuern zogen die Europa-Hauptquartiere von Microsoft, Google, Facebook, PayPal, Zynga, Yahoo und Twitter an. Nach Amsterdam gilt Dublin als Nummer zwei in Europa hinsichtlich seiner Attraktivität für Investitionen. Ein Grund dafür ist die Lebensqualität. Ein Muss für den Touristen wie Bewohner sind die schönen Dubliner Stadtstrände oder St. Stephen's Green, der große viktorianische Stadtpark.
Wer Dublin besucht, der wird um zwei Getränke sicher nicht herumkommen: In der Lagerhalle einer ehemaligen Brennerei betreibt der größte irische Whiskeyhersteller ein Besucherzentrum mit Shop, den Irish Whiskey Corner. Ein Stück den Fluss entlang taucht jenseits der Rory O'More Bridge die Guinness Brauerei auf. Im Besucherzentrum wird multimedial der Herstellungsprozess des Nationalgetränks erläutert. Ein Glas Guinness gibt es zum Eintrittspreis hinzu.
Nach dem Verlassen der Hauptstadt nimmt die Besiedlung schnell ab. Mit ihren satten Wiesen und Hügeln macht die Landschaft der "Grünen Insel" alle Ehre. Schaurig-schöne Bauwerke wie der prähistorische Grabhügel von Newgrange, die archäologische Stätte Poulnabrone-Dolmen aus der Jungsteinzeit oder die Ruinen von Klöstern wie Glendalough erzählen von der langen und abwechslungsreichen Geschichte Irlands.
Etwas abseits der Touristenpfade liegt im Westen der Insel die älteste irische Bendiktinerabtei Kylemore Abbey. Das 1655 gegründete Kloster zog im Jahr 1920 in das viktorianische Schloss aus dem Jahr 1871 ein. In den 1930er Jahren besuchten zwei indische Prinzessinnen das Internat. Wegen rückläufiger Schülerzahlen ist die Schule seit 2010 geschlossen. Teile von Kylemore Abbey und insbesondere die umgebenden Gärten sind im Sommer zugänglich. Sicher, hier und da ist der Verfall von Park und Schloss zu sehen, doch passt diese Melancholie nun einmal zu Irland.

The Temple Bar in Dublin

The Temple Bar in Dublin

Guinness Storehouse

Guinness Storehouse



Im County Clare befindet sich die bereits erwähnte jungsteinzeitliche Kultstätte "Poulnabrone-Dolmen" - das Loch des Mühlsteins. Zwei senkrechte Orthostaten tragen hier eindrucksvoll einen 3,65 Meter langen Deckstein. Bei archäologischen Grabungen in den 1980er Jahren wurden über 5.000 Jahre alte Bestattungen nachgewiesen. Derartige Megalithanlagen gibt es in Irland viele, geschätzt werden auf der ganzen Insel bis zu 1.600 Großsteingräber!
Eine Insel hat logischerweise auch reizvolle Küstenabschnitte. Am meisten besucht werden die traumhaften Halbinseln im Südwesten der Insel. Gäbe es den Tourismus nicht, wäre die Gegend wohl völlig menschenleer. Die wundervollen kleinen Uferstraßen machen süchtig. Auch wenn das Wetter selten mit Mallorca-Sonne aufwartet, verfügt Tramore über einen fünf Kilometer langen Sandstrand. Unbedingt einen Abstecher lohnt die Kleinstadt Cobh, von der die Titanic zu ihrer ersten und letzten Fahrt aufbrach. Und nicht nur sie: Über den Ausschiffungshafen verließen mehr Menschen das einstige Armenhaus Europas, als die Insel heute Einwohner zählt!
Im Westen von Irland befindet sich ein weiterer spektakulärer Küstenabschnitt: Die Cliffs of Moher. Teilweise mehr als zweihundert Meter stürzen die Schiefer- und Sandsteinfelsen senkrecht in den Atlantik hinab. Im unterirdischen Besucherzentrum erfahre ich mehr über Tausende von Seevögeln, die in den Klippen nisten. Je nach Lust und Passion bietet sich der Wanderweg am Kliff mit herrlichen Fotomotiven an - Vorsicht bei Selfies! Andere zieht es am Strand von Hag's Head am Südende als Surfer in die hohen Wellen des Ozeans. Der Tag geht seinem Ende entgegen, wenn die Sonne weit draußen im Meer versunken und das eine oder andere Guinness getrunken ist...

Dublin Castle

Dublin Castle

Keltische Hochkreuze in Monasterboice

Keltische Hochkreuze in Monasterboice



Wort: Uwe Schieferdecker / Bild: Torsten Reineck