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Johann Janus' Kolumne

Home, freak home


"Entschuldigung, ich müsste da mal ran." Der Handwerker bittet nicht wirklich um Entschuldigung, er weist mich nur darauf hin, dass ich im Weg stehe. Das ist insofern verwunderlich, da es 8 Uhr morgens ist und ich gerade aus der Dusche komme, um mir einen Kaffee zu kochen - "da ran" ist ein Heizungsrohr in der Ecke. "Ähm, klar," antworte ich und frage ihn, wer er eigentlich sei. "Paschulke, von der Hausmeister & Handwerker GmbH." "Mit beschränkter Haftung?", wundere ich mich, während er ein Rohr aus der Wand reißt. "Ja genau, falls was schief geht. Sie haben doch eine Hausratversicherung?" Ich habe keine und eigentlich auch keine Handwerker bestellt. "Der Hausverwalter hat mich beauftragt. Reine Routine mit den Heizungsrohren."
Ich wohne seit fünf Jahren in dieser Wohnung und hatte solche Routine bisher noch nie, aber das ist ja vielleicht gerade der Grund, warum es jetzt anfällt. "Na schön", sage ich und versuche, mich auf meinen Laptop zu konzentrieren, während Paschulke Heizungsrohre aus der Wand reißt. Ich muss ja nur einen Text korrigieren. Plötzlich rieselt Putz von der Decke in meinen Kaffee. Irritiert schaue ich nach oben, von wo ein wummerndes Geräusch zu vernehmen ist. Eine weitere Riege Putz purzelt in meine Augen und ich versuche, die schmerzenden Mikrostückchen Farbe herauszublinzeln. Als ich meine Augen wieder aufmache, ist das Wummern vorbei und über mir klafft ein faustgroßes Loch in der Decke. "Entschuldigung, können Sie und die Couch mal aus dem Weg gehen? Ich muss da mal ran", ruft ein flapsiger Mann durch das Loch. Er entschuldigt sich nicht und wartet auch nicht, sondern schiebt ein Stahlrohr hinunter. Ich kann gerade noch rechtzeitig vom Sofa flüchten, als das Teil sich durchs Polster bohrt. "Wer sind Sie und was machen Sie da?", rufe ich erbost. "Radewitz, ich soll hier ein Rohr verlegen", antwortet er. "Kann ich ja nicht wissen, dass Sie gerade jetzt auf dem Sofa rumlümmeln müssen."
"Aber das ist meine Wohnung!" "Ja, noch. Also, genau genommen auch nicht. Gehört ja Ihrem Vermieter", mischt Paschulke sich ein. "Und für die paar Euro Miete, die Sie bezahlen, können Sie ja nicht die ganze Wohnung als Ihr Eigentum reklamieren." Er hat die Rohre erfolgreich aus der Wand befördert und zückt einen großen Bohrer, um an willkürlichen Stellen ins Parkett zu bohren. "Warum tun Sie das?", rufe ich über den Lärm hinweg. "Hä?!" "Er fragt, warum wir das tun", kommentiert Radewitz von oben. "Was soll denn so eine Frage? Da könnte er ja gleich Burghauser fragen." Paschulke lacht. Burghauser sei übrigens der Typ, der gerade den Presslufthammer im Flur bediene und sicherlich noch weniger höre als er selbst.
Ich flüchte in mein Schlafzimmer und ziehe den Ordner mit Briefen meines Vermieters hervor, um seine Nummer für eine gehörige Beschwerde rauszusuchen. "Wir bedauern, zu lesen, dass Sie sich zu einem Auszug aktuell nicht im Stande sehen", steht auf dem letzten Brief. "Da Ihre Miete derzeit 35% unter dem aktuellen Mietspiegel liegt, würden wir uns freuen, eine andere einvernehmliche Lösung zu finden." Langsam wird mir der Sinn der Handwerker-Aktion klar. Aber so einfach kriegen sie mich nicht raus. Ich drehe meine Stereoanlage auf und verkrieche mich unter meine Bettdecke, bis ich das Chaos in meiner Wohnküche vergessen habe. Wollen wir doch mal sehen, wer länger durchhält.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner