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Johann Janus' Kolumne

Wer zuletzt bohrt ...


Seit zweieinhalb Monaten habe ich die Handwerker, meist sind es Paschulke und Radewitz. Eigentlich sind sie ganz nett: Paschulke macht morgens einen Kaffee für mich mit, wenn er um 5.30 Uhr zu bohren anfängt, und Radewitz teilt zur Mittagspause sein Salamibrötchen mit mir. Was fair ist, weil die Zutaten ohnehin aus meinem Kühlschrank stammen. Vorletzte Woche hat Paschulke seine Isomatte mitgebracht. "Damit ich morgens früher mit arbeiten anfangen kann", kommentierte er und schnarcht seitdem in meiner Küche. Radewitz geht zwar abends wieder, trinkt aber noch ein Feierabendbier mit und lässt mir sogar das Pfand da. Man könnte sagen, so arbeitseifrige, freundliche Handwerker wären der Traum eines jeden Altbauwohnungsmieters.
Bloß, dass ich sie nie beauftragt habe und die Wohnung mit jedem Arbeitstag weiter herunterrenoviert wird. Der Grund ist, dass meine Miete 35 % unter dem Mietspiegel liegt, und mein neuer Vermieter das gerne ändern würde. "Weißt du, wir bedauern das ja auch irgendwie", meint Paschulke eines Tages, "aber wir machen ja auch nur unseren Job." "Werdet ihr wenigstens vernünftig bezahlt dafür?", frage ich, weil ich trotz allem ein Befürworter fairer Löhne bin. "Naja", murmelt Radewitz, "gut ist was andres. Also 'ne Wohnung von der Größe hier könnte ich mir zu heutigen Mietpreisen nicht leisten." "Ich auch nicht", stimme ich zu, "deshalb will ich ja nicht 35 % mehr bezahlen als bisher." Die Handwerker nicken verständnisvoll, während sie ihr Werkzeug sortieren, um das Waschbecken zu dekonstruieren, und wir beschweren uns ein bisschen über die Mietpreislage. Radewitz müsse deshalb in Neustadt wohnen. Paschulke sei vorletzte Woche aus seiner Wohnung geschmissen worden, weil er die Miete nicht mehr bezahlen könne. Eigentlich schlafe er auch nur deshalb in meiner Küche.
"So eine Scheiße. Wer ist denn dein Vermieter?" "Irgend so ein Berliner Schnösel, Schneider oder Meyer oder so." Schneider oder Meyer oder so ist, wie mir in diesem Moment bewusst wird, auch mein eigener Vermieter. Ich bin mir nicht sicher, ob Paschulke das weiß, und weise ihn darauf hin, dass sein Auftraggeber womöglich identisch mit seinem Halsabschneidervermieter ist. "Nicht dein Ernst!", ruft Paschulke aus. "Dann könnte der mir ja einfach mehr Kohle geben, damit ich meine Miete bezahlen kann." "Sag mal, wie oft kommen eure Auftraggeber eigentlich vorbei, um zu überprüfen, was ihr so gearbeitet habt?", frage ich. "Nie", meint Radewitz, "wir könnten hier einen Whirlpool und einen Balkon anbauen und niemand würde es merken."
Ich mache den Jungs zwei Pausenbiere auf und hole sie in meine Sofaecke, den einzigen Ort in dieser Wohnung, an dem drei Leute sitzen können, ohne in irgendein Loch zu fallen. "Schneider oder Meyer oder so nimmt offenbar an, dass er euch einfach eine Weile bezahlen muss, bis ich ausziehe. Solange das nicht passiert, zahle ich meine alte Miete und ihr kriegt Gehalt. Nehmen wir mal an, ihr würdet, statt hier alles zu demolieren, das Gegenteil machen. Ihr könntet einen Whirlpool und einen Balkon anbauen. Und ein mehrstöckiges Aquarium zu meinen Nachbarn. Dafür dürftet ihr kostenlos in einem der beiden Zimmer wohnen, ich krieg das andere, und wir teilen uns die Gemeinschaftsräume." Ich schaue sie fragend an. "Mal sehen, wie lange Schneider oder Meyer oder so dann braucht, um mich herauszukriegen." Paschulke nickt. Die Isomatte werde langsam auch ungemütlich. "Radewitz?" Er wiegt den Kopf hin und her, wägt die Möglichkeiten ab. "Okay", meint er dann, "aber nur, wenn in das mehrstöckige Aquarium auch Piranhas rein dürfen."


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner