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Dr. Winters Kolumne

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Zum brillen komisch


Liebe Freunde,
kennt ihr diese Situation? Man sitzt im Bus, und gegenüber sitzt ein leicht transpirierender Mann, der mit schwitzenden Fingern an einem Zipfel seines Hemdes die Brille putzt. Er hat seine Augen bis auf einen winzigen Spalt zugekniffen, und ab und zu hält er die Brille gegen das Licht, und stellt fest, dass sich die an den Gläsern haftende Fettschicht noch nicht beseitigen ließ. Deswegen ächzt er leise, und reibt die Gläser noch einmal an einer anderen Stelle seines Hemdes, am Ärmel oder so, aber als er die Brille wieder aufsetzt, bemerkt er sichtlich enttäuscht, dass er nach dem Putzen noch weniger sieht, als vorher, weswegen er sie wieder absetzt, um sie mit einem anderen Kleidungsstück zu reinigen. Mit seiner Krawatte oder an seinem Hosenbein. Die ganze Fahrt hindurch poliert er seine Brille, so lange, bis er durch die Gläser überhaupt nichts mehr sieht, und beim Aussteigen die Tür nicht findet, weswegen er mehrfach versucht, durch ein Fenster oder über die Rückbank ins Freie zu gelangen, aber nicht, ohne vorher jeden Passagier anzurempeln, und selber mehrfach mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen.
Ich bin so jemand. Ein Brillenträger, mit dem man Mitleid haben muss, weil er so hilflos ist. Ja, ich bin kurzsichtig. Jahrelang habe ich eine Schielbrille getragen, jetzt bin ich nur noch kurzsichtig. Kurzsichtig zu sein bedeutet, mit der Welt so gut wie nicht in Kontakt treten zu können. Weil man sie nicht sieht, oder anders sieht, falsch. Wenn man zum Beispiel die Tür öffnen will, und immer schon zugreift, bevor man die Türklinke mit der Hand berührt hat. Man kann einfach nicht einschätzen, wie weit das Artefakt von einem weg ist, da durch die Krümmung der Netzhaut keine realistische Einschätzung der Entfernung möglich ist. Immerzu greift man ins Leere, beim Händeschütteln, beim Kraulen des Felles einer Katze, oft genug ist es auch gar keine Katze, sondern der Kampfhund des Nachbarn, man hat es einfach nicht gesehen. In diesem speziellen Fall ist es natürlich gut, dass man mit dem Fell nicht in Berührung gekommen ist.
Oder am Supermarktregal. Wie oft habe ich mit einem leeren Einkaufswagen zur Kasse gestanden, weil ich weder den Zitronenkuchen noch das Mandelbrot zu fassen bekommen habe. Oder wenn man in den Spiegel sieht, und sich selbst ein ganz passables Aussehen attestiert, bis zu dem Tag jedenfalls, an dem man es mit Brille tut. Dann ist man häufig enttäuscht. Brillen entstellen ja ohnehin jedes Gesicht. Jede Orthese ist schöner. Brillen machen dich zu einem Fremden. Für dich und für andere. Sie verwandeln dein Gesicht in etwas völlig anderes. In eine Vitrine oder ein Aquarium. Da können die Plakate der Optikerketten sonst was suggerieren. Erfolgreiche Geschäftsmänner mit Durchblick, oder schöne, den Zeitgeist repräsentierende Damen mit einem Gestell aus Teflon oder einem anderen Nebenprodukt der Weltraumforschung. Die Wirklichkeit ist eine andere. Mit Brille sieht man doof aus. Brillen wirken ungefähr so ansprechend wie ein Haken an einer Piratenhand, die nicht mehr da ist.
Aber das ist noch nicht alles. Alle Brillenträger bekommen abstehende Ohren. Man muss die Brille nur lange genug tragen, dann biegen sich die Ohren nach vorn. Totaler Unfug ist es auch, dass Brillen ein Zeichen von Intelligenz sein sollen. Das mag vielleicht bei einem Uhu funktionieren. Aber nicht bei unsereinem. Die Leute mit dem wahren Durchblick trugen keine Brillen. Karl der V., oder Otto der I., oder Winnetou. Na, ist doch wahr. Genug für heute, ich muss meine Brille putzen.
Euer Doktor Drösser Kromp Winter