Film 160x600_content
Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Weihnachtsgünther & Co.


Liebe Freunde, der landläufigen Meinung, wonach es auf der Welt nur einen einzigen Weihnachtsmann gibt, also den, der in Lappland wohnt, Rentiere züchtet und alle Wunschzettel bekommt, muss ich ganz entschieden widersprechen. Meine Erfahrung ist eine völlig andere. Denn während meiner gesamten Kinderjahre bescherte mich jedes Jahr ein anderer Weihnachtsmann. Weihnachtsmänner gab es in unserer Gegend in Hülle und Fülle. Sie alle wohnten in der Nachbarschaft. Es muss dort so eine Art Kolonie gegeben haben. Die meisten kannte ich vom Sehen, wusste allerdings nicht, dass sie Weihnachtsmänner waren. Ein paar von ihnen arbeiteten im öffentlichen Dienst, und einer bediente die Saftpresse in der Lohnmosterei seines Großonkels. Im normalen Leben wirkten sie total unwichtig, und sie rochen auch nicht nach Rentier. Beides änderte sich am 24. Dezember. Dann waren sie die Größten. Niemand war wichtiger.
Der erste Weihnachtsmann meines Lebens hieß Günther und wohnte als Untermieter bei Familie Engel. Günther rauchte immer Zigarren, und nahm sie selbst beim Essen nicht aus dem Mund. Auch als Weihnachtsmann. Außerdem vergaß er prinzipiell, die Geschenke mitzubringen. "Ach, die habe ich vergessen!", sagte er, machte aber keine Anstalten, sie eventuell noch zu holen. "Da war sowieso nichts Tolles dabei!", konstatierte er und winkte ab. Dann trank er einen Schnaps, ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen, versteht sich, und dann noch einen. Günthers Haar war extrem lang und lockig, aber sein Bart war noch länger und lockiger. Bei ihm war alles echt. Sogar die Zipfelmütze. Die langen Haare und der Bart imponierten mir allerdings nicht so besonders, weil zu dieser Zeit noch alle Männer das ganze Jahr hindurch so herumliefen. Aber seine unendlich langen Aufzählungen aller Verfehlungen der einzelnen Familienmitglieder deprimierten mich. Weihnachten hatte ich seinetwegen durchweg das Gefühl, unter moralisch minderwertigen Menschen aufzuwachsen. Manchmal, wenn ich irgendetwas machte, was meinen Eltern nicht gefiel, zum Beispiel Erich Honecker auf dem Bild im Klassenzimmer einen Walter-Ulbricht-Bart anzumalen, nölten sie herum und meinten: "Wenn du das tust, dann kommt dieses Jahr kein Weihnachtsmann!" Dann schöpfte ich ein wenig Hoffnung, dass es ganz passabel werden könnte. Wurde es aber nicht. Weil der Vorrat an Weihnachtsmännern unerschöpflich war.
Sie hausten zu Hunderten in den Nachbarhäusern. Der zweite Weihnachtsmann hieß Vitali und trieb sommers wie winters bei offenem Fenster Frühsport. Hin und wieder beobachtete ich ihn und sah, dass er sich dabei selbst am Klavier begleitete. Auch Vitali war einer von den strengen Weihnachtsmännern. Bevor er die Geschenke verteilte, nahm er jeden ins Verhör. "Bist du frech gewesen?", fragte er mich. "Nein, niemals!", antwortete ich. "Auch nicht am 27. Mai?" "Woher soll ich denn das wissen!", regte ich mich auf. "Hast du nicht gerade gesagt, dass du nie frech gewesen bist?", triumphierte er. "War ich doch auch nicht!", versuchte ich mich zu retten. Es war sinnlos.
Die Weihnachtsmänner kamen und gingen. Manchmal tauchten sie zu dritt bei uns auf, und einmal muss der Weihnachtsmann eine Frau gewesen sein. Weil er die Geschenke aus einer Handtasche holte. Der Weihnachtsmann, der durch den Schornstein zu uns kommen wollte, ist bis heute nicht in die Wohnung vorgedrungen, und der andere, der vor der Bescherung noch seine Aufwandsentschädigung beglichen haben wollte, wurde aus ihr umgehend wieder hinauskomplimentiert. Glücklicherweise war immer ein Ersatz zu finden, ein Mangel an Weihnachtsmännern hat nie geherrscht. Und dieses Jahr? Wir werden sehen!

Euer Doktor Ruprecht Nick Winter