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Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Zu hübsch, um von dieser Welt zu sein


Liebe Freunde,
einmal, ich muss so dreizehn, vierzehn Jahre alt gewesen sein, hatte ich eine Begegnung mit mehreren Außerirdischen. Es handelte sich um extrem eigenartige Wesen.

Sie waren beinahe transparent, ätherisch, bunt und sahen unglaublich gut aus. Richtig hübsch, viel zu hübsch jedenfalls, um von dieser Welt zu sein. Es war kurz nach den Sommerferien, ich glaube, gleich in der ersten oder zweiten Schulwoche. Nach dem Ende der Ferien sehnte ich mich schon immer am letzten Schultag. Ich empfand jedes Mal eine unglaubliche Erleichterung, wenn sie ein Ende nahmen. Die Sommerferien waren für mich die langweiligsten Wochen des Jahres. Es passierte einfach nichts.
Sechs Wochen lang ging die Sonne auf und unter. Dazwischen lagen achtzehn Stunden, in denen ich irgendwo herum saß und mich gelegentlich am Arm kratzte. Mehr nicht. Meine Mitschüler verreisten immer während der Ferien. Wenn sie zurückkamen, erzählten sie von Marokko, Burma und den Antillen. Meine Familie verreiste nie. Wegen meiner Allergien. Die meisten Substanzen, mit denen ich in Berührung kam, lösten bei mir schreckliche Allergien aus. Staub, Blüten, Kunststoffe, Nahrungsmittel, fast alles.
Einmal, als ich mich an einem Sommertag in der Nähe des Botanischen Gartens aufgehalten habe, hat mich ein obskur schillerndes Insekt in den Daumen gestochen. Danach ist meine Hand auf die Größe einer Kehrschaufel angeschwollen. So etwas passierte mir ständig. Wenn ich etwas zu mir nahm, das ich nicht vertrug, verformte sich irgendeiner meiner Körperteile zu einem monströsen Etwas, das in den meisten Fällen wie ein Haushaltsgerät aussah.
Danach musste ich sofort zum Arzt. Von ihm wurde ich an einen Spezialisten überwiesen. Der Spezialist verabreichte mir eine Spritze, auf deren Inhalt ich grundsätzlich allergisch reagierte. Ich bekam Füße, die einem Backblech ähnelten, Oberarme wie Küchenrollen, Unterschenkel wie eine Kühltruhe und so weiter.
"Was soll ich denn jetzt machen?", fragte dann der Spezialist meine Eltern. "Sie stellen aber auch Fragen!", polterte mein Vater. "Was würden Sie uns denn raten?", fragte meine Mutter. "Das Beste wird sein, sie sehen ihn sich ein paar Tage nicht an", sagte der Spezialist. Da hat sich mein Vater fürchterlich aufgeregt und meiner Mutter ist eine geschlagene Stunde der Mund offen stehengeblieben.
Geändert hat sich dadurch aber nichts. Auf diesen Stress hatten meine Eltern im Urlaub natürlich keine Lust. Ich verstand sie. Aber langweilig war es trotzdem. Die schlimmsten Tage waren übrigens die Regentage. Weil auch der Regen allergische Reaktionen bei mir auslöste. Dann saß ich zu Hause, starrte auf eine Fliege, die mit unfassbarer Regelmäßigkeit gegen die Fensterscheibe krachte, und bewegte mich den ganzen Tag hindurch keinen Zentimeter. Toll, oder?
Nun waren die Sommerferien glücklicherweise zu Ende und ich stand auf dem Schulhof, dort, wo ich während der Pausen immer stand, an meinem Stammplatz, einem Klettergerüst, das sich ein paar Meter vor dem schwarzen Eisengitterzaun entlang der Hausmeisterwohnung befand, und blickte hinaus auf die Straße. Der Himmel war septemberblau, der Schulhof frisch gefegt. Ich fühlte mich stabil und ausgeglichen, und auf einmal waren sie da, diese seltsamen Wesen von einem anderen Stern. Ich hatte sie nicht kommen hören.
"He, wer bist denn du?", fragten sie. Sie waren zu fünft. Wenn ich zu fünft gewesen wäre, hätte ich ihnen auch diese Frage gestellt. Weil ich allein war, sagte ich überhaupt nichts. Im Gegenteil, ich habe mich umgedreht und meinen Blick auf etwas Vertrautes gerichtet, auf das Auto unserer Direktorin, einen Alfa Romeo Spider, weil ich doch gegen so viel allergisch war. Auch dagegen, dass mich jemand lange ansah. Und da war es auch schon. Ich fühlte, wie mein Fuß anzuschwellen begann. Bald würde er die Form einer Brotschneidemaschine angenommen haben.
Die Außerirdischen kicherten leise. Ich spürte ihre Blicke auf meinem Rücken und stellte fest, dass ich einen knallroten Kopf bekam. "Hallo?", riefen sie. Da drehte ich mich um. "Was?", fragte ich. "Ach, nichts", sagten sie. Sie starrten mich an. Ich starrte sie an. Weil ich sie so hübsch fand, wusste ich nicht, was ich tun sollte, außer allergisch zu reagieren. Zu meinem Glück kam nach einer Viertelstunde mein Klassenkamerad Tom vorbei.
"Tom!", rief ich, "He Tom!" "Was denn?", fragte Tom. "Sieh mal, da drüben, die Außerirdischen!" Tom sah zu den extraterrestrischen Wesen hinüber. "Wo denn?", fragte er. "Na dort!", sagte ich. "Bist du doof?", fragte er. "Das sind Mädchen." "Wie nennt man die?", fragte ich. "Mädchen", sagte Tom. "Davon habe ich ja noch nie was gehört", sagte ich. "Geh mal zum Arzt!", sagte er. Das habe ich dann auch gemacht. Er hat mich an einen Spezialisten überwiesen. Der konnte mir auch nicht helfen. Deswegen glaube ich bis heute, dass ich damals fünf Außerirdischen begegnet bin. Und wenn es doch Mädchen gewesen sein sollten, dann waren es auf jeden Fall Mädchen vom Mars.

Euer Doktor Armstrong Gagarin Winter