Dr. Winters Kolumne

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Jürgen, Helmut und Gabi


Liebe Freunde,
in meiner Klasse gab es drei Schüler, die keiner leiden konnte. Jürgen, Helmut und Gabi. Gabi hieß eigentlich Michael. Aber er benahm sich wie Gabi. Und dass er sich wie Gabi benommen hat, bedeutet im Grunde nur, dass er sich nicht wie Hartmut benommen hat. Wenn Gabi sich wie Hartmut benommen hätte, wäre er ja unser Freund gewesen. Das ist doch ganz einfach. Hartmut hatte jeder gern. Er war schon zwei Mal sitzen geblieben, und das machte ihn automatisch zum Idol. Hartmut war etwas zum Anhimmeln. Wirklich. So herrlich übergewichtig, und dann dieser rudimentäre Wortschatz. Einfach Klasse! Er schlug auch gerne mal zu, und malte sich mit Kugelschreiber Tattoos auf den Hals. Im Knast wäre das absolut üblich, erklärte er uns. Im Knast hätte jeder Kugelschreiber-Tattoos, das wusste er von seinem Vati und seiner Mutti, die beide schon drin gewesen waren. Und er wollte auf jeden Fall auch mal dorthin. Hartmut fragte sich, wie lange er noch sitzen bleiben musste, bis er die Schule endlich mit dem Knast tauschen konnte. Er konnte es nämlich kaum erwarten. Die Tattoos hatte er ja schon. Hartmut hatte vielleicht Pläne!
Im Verhältnis zu Hartmut wirkten wir alle ein wenig blässlich. Vor allem aber Jürgen, Helmut und Gabi. Übrigens konnte auch Jürgen Helmut nicht leiden, und Gabi nervte ihn, und Helmut ging es mit Jürgen und Gabi genauso, sie konnten sich nicht ausstehen, sie fanden sich einfach nur doof, aber so doof wie Gabi waren weder Jürgen noch Helmut, denn Gabi war jemand, der die Schnürsenkel seines linken und rechten Fußes immer zusammengebunden hat, und dann den ganzen Tag so herumgelaufen ist, jemand, der beim Anziehen seines Pullovers kategorisch versucht hat, seinen Kopf durch den Ärmel zu zwängen, und wenn es ihm gelungen ist, den Pullover dann auch auf diese Weise getragen hat, oder das T-Shirt, das Hemd, was weiß ich denn!
Gabi hat sich beim Essen immer mit der Gabel ins Gesicht gestochen, oder mit dem Messer in die Hand, immerzu hat er sich oder andere beim Essen schwer verwundet, und im Sportunterricht hat er nicht einmal die einfachsten Übungen beherrscht, Kniebeugen oder so, und gegen jede Tür ist er auch gelaufen, egal, ob sie aus Glas war oder aus Holz. Gabi ist auch nie in den Stimmbruch gekommen, während wir anderen in der siebenten Klasse schon Vollbärte trugen, manche auch Glatze, und später, als er das Autofahren lernen wollte, ist er in den Fahrstunden kontinuierlich gegen Mauern und Fassaden gekracht, und nie anders als rückwärts angefahren, was verkehrstechnisch nicht generell als ratsam bezeichnet werden konnte.
Das schlimmste an Gabi war allerdings, dass er Klavier spielen konnte. Nicht etwa den Flohwalzer, sondern Stücke von Rachmaninoff oder Chatschaturjan. Den Säbeltanz zum Beispiel. Mit nur einer Hand. Unfassbar. So doof er sich auch sonst benahm, auf dem Klavier war er ein Virtuose. So was gibt es schließlich. Hartmut stand ja eher auf langsam gespielten Hip Hop, und weil er darauf stand, mochten wir es auch. Wenn du nicht sofort mit dem Geklimper aufhörst, hat Hartmut zu Gabi gesagt, dann vergesse ich mich.
Aber Gabi hat nicht aufgehört. Seitdem sind ein paar Jahre vergangen. Und nun stellt euch vor: Gestern habe ich eine CD von ihm gekauft. Und gehört habe ich, dass er nächste Woche auf Japan-Tournee geht, auf Japan-Tournee, während ich noch immer versuche, mir das Kugelschreiber-Tattoo vom Hals zu kratzen. Also, wenn ihr mich fragt, ich verstehe die Welt nicht mehr!
Euer Doktor Aram Sergej Winter