• Beitrag zuletzt geändert am:9. Mai 2026
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Bezaubernde Silhouette der Altstadt von Matera im Morgengrauen
Bezaubernde Silhouette der Altstadt von Matera im Morgengrauen

Matera im Süden Italiens

Reise in die Vergangenheit

Italien gehört spätestens seit den 1950er Jahren zu den Sehnsuchtszielen der Deutschen. Natürlich sollte man einmal im Leben in Venedig, Rom oder auf Capri gewesen sein, aber es gibt auch noch jene Geheimtipps, bei denen sich Landschaft, Geschichte und Architektur zu einem wundervollen Mix vereinen. Und wo Du als Besucher Deinen Espresso an der Piazza entspannt mit ein paar Einheimischen genießen kannst.

Die Höhlensiedlungen Sassi di Matera zählen seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe
Die Höhlensiedlungen Sassi di Matera zählen seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe

Wer hatte denn schon Matera in der süditalienischen Region Basilikata auf dem Zettel? Die historische Perle liegt etwa 200 Kilometer östlich von Neapel, erstreckt sich auf der verkarsteten Hochebene der Murgia hoch über der Schlucht Gravina di Matera. Historiker würdigen Matera als eine der ältesten Städte der Welt. Gesiedelt wurde hier schon in der Jungsteinzeit. Bis in die 1960er Jahre lebten viele Einwohner an den Hängen der Gravina in Höhlenwohnungen der beiden Sassi. Die heutige Touristenattraktion bot damals katastrophale hygienische Bedingungen. Dort hausten 15.000 Menschen, zusammengepfercht mit Tieren und Vorräten in dunklen Räumen, ohne Fenster, Strom und fließendes Wasser. Noch 1948 forderte eine Malaria-Epidemie zahlreiche Opfer. Der Streifen „Christus kam nur bis Eboli“ des Regisseurs Francesco Rosi setzte dem damaligen Leiden ein filmisches Denkmal.

Die wenig schmeichelhafte Bezeichnung „Schande Italiens“ machte die Runde. Jahrhunderte hatten das Städtchen ignoriert, Entwicklungen fanden woanders statt. Dabei rühmte das Mittelalter die einzigartige Felsensiedlung noch als „Spiegel des gestirnten Himmels“. Weniger freundlich setzte der italienische Schriftsteller Carlo Levi der Lobpreisung im 20. Jahrhundert eine „trichterförmige Hölle Dantes“ entgegen. Heute sind es ausgerechnet jene archaischen Höhlenbauten, die den touristischen Reiz ausmachen. Darunter befindet sich die Felsenkirche San Pietro Barisani, Teil eines alten Klosters mit Seitenkapellen und Fresken.

Längst müssen die Einwohner von Matera nicht mehr in diesen Höhlen hausen. Gleichwohl erklärte die UNESCO die beiden Siedlungen 1993 zum Weltkulturerbe. Sie würdigte die zweitausend Jahre bestehenden Bauten im Kalkstein als einzigartige Verknüpfung von Architektur mit der Natur. Eindrucksvoll dokumentieren die Sassi die Geschichte menschlicher Siedlungen und ihre Anpassung an die Umwelt. Die Storico Casa Grotta zeigt eine typisch eingerichtete Felswohnung mit Möbeln, Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Inzwischen löste sich Matera mit Musikfestivals, Theateraufführungen und Ausstellungen gänzlich vom dunklen Schatten seiner Vergangenheit. Im Jahr 2019 stand es neben dem bulgarischen Plovdiv als europäische Kulturhauptstadt mit zahlreichen Veranstaltungen im Fokus. Zur Eröffnung zogen zweitausend Musiker durch die Straßen der Altstadt von Matera. Die Kulturhauptstadt setzte Maßstäbe und gilt heute als wahres Modell für die Revitalisierung historischer Städte durch Innovation.

Im 13. Jahrhundert entstand auf dem höchsten Punkt der Stadt die Kathedrale. Der heutige Bischofssitz sollte Matera dominieren, dazu wurde der Untergrund um sechs Meter aufgeschüttet. Das eher schlichte Äußere im Stil der Romanik überstand die Zeiten nahezu unverändert. Den Giebel prägt das sechzehnstrahlige Rosettenfenster. Zur Linken erhebt sich hinter dem Sakralbau der 52 Meter hohe Kirchturm. Das Kircheninnere wurde seit dem Bau mehrfach verändert und umdekoriert. Bemerkenswert ist das Fresko der Maria im byzantinischen Stil aus der Erbauungszeit. Die vorgelagerte Piazza de Duomo als höchstgelegener Platz bietet am Morgen das beste Licht zum Fotografieren. Untermalt wird das Ambiente durch Darbietungen der Straßenmusikanten. Was für ein wunderbarer Ort, um dolce vita bei einem leckeren Espresso zu genießen!

In den Felsen um Matera sind 150 Reste christlicher Bauten nachgewiesen. Die Kloster und Kirchen wurden zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert in den Kalkstein der Karstlandschaft geschlagen. Heute gelten Sakralbauten wie die San Pietro de Caveoso, Santa Maria di Itris und die San Francesco d‘ Assisi als gern besuchte Sehenswürdigkeiten der Stadt. Leider ist das Fotografieren der Innenräume im Regelfall untersagt. Auf der Piazza del Sedile liegt im gleichnamigen Palazzo das administrative Zentrum von Matera. Der beeindruckende Eingangsbogen im Renaissancestil wird von zwei Glockentürmen gesäumt. Der Gang in das Gebäude hinein lohnt sich durchaus: Ein Fresko in der Eingangshalle zeigt Karl III. zu Pferde.

Wem die Mischung aus Höhlen, aufgesetzten Häusern und engen Gassen den Eindruck einer stehengebliebenen Filmkulisse macht, der liegt nicht falsch. Die Liste der hier gedrehten Filme ist schier endlos: Von Pier Paolo Pasolinis „Matthäusevangelikum“ (1964) über Mel Gibsons „Die Passion Christi“ (2004) bis zu James Bonds 007 „Keine Zeit zu Sterben“ von 2021. Auch Musikvideos von Robin Schulz bis Metallica haben ihren Ursprung in Matera. Dabei wirkt die Erkundung der ockerfarbenen Stadt dank ihrer vielen Terrassen mehr wie ein sanftes Klettern. Am Ende landest Du wohl irgendwo, wo Du eigentlich nicht hinwolltest. Der Blick fällt anscheinend immer nach unten, in verborgene Höfe, enge Gassen oder die mächtige Schlucht. An jeder Ecke der Stadt findest Du irgendein Fotomotiv. Erfreulich: Mit Deinem Handy bist Du auf Selfiesuche meist eher allein. Nur im Hochsommer solltest Du die Stadt meiden: Dann ist es nicht nur unerträglich heiß, auch sind die Gassen und Plätze dann doch voller Urlauber.

Tagsüber ist die komplette Altstadt weitgehend verkehrsberuhigt. Eine Alternative bietet hier eine Taxitour. Und wer den etwas beschwerlichen Weg scheut, lässt sich auf die andere Seite der Schlucht zum Belvedere de Murgia chauffieren. Zu Fuß braucht es über ausgetretene Trampelpfade und eine Hängebrücke etwa 40 Minuten. Ach ja: Der Zugang zum Belvedere ist heute durch ein Metallgitter abgesperrt: Wen juckts – wie andere Mitstreiter klettere ich über die Absperrung und werde am Ende ja doch belohnt! Der Blick vom Belvedere auf die Sassi von Matera ist geradezu ikonisch. Nach der Hitze des Tages bringt der Abend die Entschädigung durch die magische Beleuchtung der Stadt. Unvergesslich!

Wort: Uwe Schieferdecker / Bild: Torsten Reineck