• Beitrag zuletzt geändert am:8. Februar 2026
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Brügge - Das Haus Perez de Malvenda im Zentrum der weitverzweigten Kanäle des Flüßchens Reie
Das Haus Perez de Malvenda im Zentrum der weitverzweigten Kanäle des Flüßchens Reie

Brügge - Märchenhaftes Weltkulturerbe

Hauptstadt der Schokolade

Die flandrische Stadt Brügge überschreitet heute mit 119.000 Einwohnern mal gerade die Schwelle zur Großstadt. Im Mittelalter spielte die Handelsstadt hingegen die Rolle einer Weltstadt. Der einstige Glanz und Wohlstand spiegeln sich noch lebhaft im Stadtbild wider. Anders als viele deutsche Städte blieb Brügge in den vergangenen Jahrhunderten weitgehend von Kriegseinwirkungen und Stadtbränden verschont. Kaum zu glauben, dass es nach den Eindrücken in Brüssel und Antwerpen hier noch einmal zu einer Steigerung kommen kann!

Brügge - Bootstour durch die Kanäle der Stadt
Bootstour durch die Kanäle der Stadt

Reizend durchziehen Grachten die mittelalterliche Altstadt. Schon im 9. Jahrhundert überzeugte der hier vorgefundene Naturhafen den Grafen Balduin I., ließ ihn an dieser Stelle eine Burg errichten. Bald liefen hier die Seefahrtsrouten der Hanse, des venezianischen Orienthandels und des Wollhandels mit England zusammen. Darüber hinaus entwickelte sich früh die Textilindustrie. Die Herzöge von Burgund hielten prachtvoll Hof, Brügge galt damals neben Venedig als reichste Stadt der alten Welt! Aus heutiger Sicht fast ein Glücksfall, führte das Versanden des Flusses Zwin und die kaiserliche Förderung Antwerpens nach 1500 zu einem jahrhundertelangen Dämmerschlaf. Die allgegenwärtigen Bausünden des Industriezeitalters blieben Brügge so erspart. Beim Eintauchen in die Gassen und Plätze bleiben die einstige Rolle und der mittelalterliche Wohlstand erlebbar. Längst spielt der Tourismus die entscheidende Rolle in dieser Stadt wie aus dem Bilderbuch.

Den traditionellen Brennpunkt der Stadtgeschichte bildet der Grote Markt mit dem Belfried als Symbol des Bürgersinns. Der 83 Meter hohe Turm ragt aus den Stadthallen heraus und stammt im Kern noch aus dem 13. Jahrhundert. Auch heute, acht Jahrhunderte später, darf kein Neubau dieses Zeichen des Bürgerstolzes überragen. Die Besucherterrasse bietet einen einzigartigen Blick auf das mittelalterliche Dächergewirr. In früheren Jahrhunderten landeten die Handelsschiffe noch direkt am Hauptmarkt an. Die gelieferten Stoffballen wurden im 13. Jahrhundert in der Waterhalle gelagert. An deren Stelle befindet sich heute der Provinzialpalast. Der neogotische Prachtbau beherbergt die Regierung der Provinz Westflandern, deren Hauptstadt Brügge heute ist.

Belgien ist stark katholisch geprägt. Christliche und bürgerliche Traditionen leben in einem bunten Brauchtum fort. Östlich vom Grote Markt erhebt sich seit dem Mittelalter die Heilig-Blut-Basilika. Der Ursprungsbau entstand schon im 12. Jahrhundert als romanische Doppelkapelle auf dem Gelände der alten Burg Balduins I. Ein silberner Reliquienschrein in der Basilika beherbergt eine Ampulle mit dem Blut Christi. Immerhin seit 1291 findet die Heilig-Blut-Prozession jeweils am Himmelfahrtstag statt. Dabei wird die Reliquie – in diesem Jahr also am 14. Mai – in einem bunten Spektakel mit historischen Kostümen durch die Straßen von Brügge getragen. Die UNESCO erhob Belgiens bedeutendstes Volksfest bereits 2009 zum immateriellen Kulturerbe.

Als weiterer imposanter Sakralbau lohnt die Liebfrauenkirche den Besuch. Der knapp 116 Meter hohe Turm gilt als zweithöchster Backsteinkirchturm der Welt. Die Kirche wird heute für religiöse Zwecke, aber auch museal genutzt. Die Ausstellung zeigt Gemälde, Statuen sowie Grabmäler und als Highlight „Die Madonna mit Kind“ von Michelangelo. Die Herren von Gruuthuse ließen ihr Palais baulich direkt mit der Liebfrauenkirche verbinden. Die Kräutermischung Grut wurde im Mittelalter zum Bierbrauen genutzt. Das Recht, darauf Steuern zu erheben, machte die Familie Gruuthuse schon damals reich. Das 1955 eingerichtete Museum für Archäologie und Kunsthandwerk bietet neben einer 1521 geschaffenen Büste des Kaisers Karl V. das schaurige Exemplar einer bis ins 19. Jahrhundert genutzten Guillotine.

Wenn wir gerade beim Bier sind: Vom Grote Markt aus sind es nur fünf Minuten zu Fuß zu einer Institution, der Kultbierkneipe 2be Beer Wall. Im Bürgermeisterhaus aus dem 15. Jahrhundert empfängt uns eine Eingangspassage, an deren Wand 1.835 verschiedene Biere mitsamt der passenden Gläser ausgestellt sind. Immerhin 16 Biere vom Fass werden auf der Terrasse zum Dijver-Kanal ausgeschenkt. Wie in vielen anderen netten Läden können hier die leckere belgische Schokolade und die typischen Karamellbiskuits erworben werden. Brügge als Schokoladenparadies bietet viele entsprechende Touren, dazu Museen oder Workshops zum Selbstmachen. Der Phantasie sind eigentlich keine Grenzen gesetzt, so werden Schokoladen-Bier-Kombinationen angeboten. Oder habt ihr schon mal Schokolade geschnupft?

Doch Brügge war einst auch berühmt für seine eleganten Kragen, Borten und Tischdecken, die in Heimarbeit von fingerfertigen Frauen geklöppelt wurden. Heute beherrscht leider Billigware aus Fernost den Markt. Einzelstücke aus der reichen Geschichte der Textilherstellung in Brügge sind im Museum Arentshuis zu entdecken.

Vom Brügger Freiamt aus wurde früher das Brügger Umland verwaltet. In dem fotogenen Renaissancegebäude war bis 1984 über zwei Jahrhunderte das Gerichtsgebäude untergebracht. Die Säle des heutigen Stadtarchivs können für drei Euro besichtigt werden. Als Pendant bietet sich der Besuch eines Bürgerhauses des 18. Jahrhunderts an: Das Hafenhaus de Caese liegt direkt an einer der Grachten von Brügge. Hier wohnte früher der Schatzmeister des Brügger Umlandes. Im Inneren entführen Salons, Schlafzimmer und ein Gewölbekeller in die Zeit von 1765, als das Hafenhaus errichtet wurde. Wesentlich opulenter kommt hingegen das Haus Perez de Malvenda aus dem 15. bzw. 16. Jahrhundert daher. Im Schatten des Belfrieds gelegen, zeigt das Herrenhaus an einem Grachtenbogen dem Besucher stolz seine spätgotische Fassade. Juan Perez de Malvenda selbst wurde als Sohn eines spanischen Konsuls in Brügge geboren. Als Mitglied der edlen Bruderschaft des Heiligen Blutes versteckte er die berühmte Reliquie angesichts religiöser Unruhen in seinem Haus. Das Gebäude überdauerte die Zeiten und wurde denkmalgerecht saniert.

Lohnend ist auch der Ausflug nach Zeebrugge an der Nordsee. Der Küstenort mit charmantem Strandviertel und Yachthafen gehört administrativ zu Brügge und entwickelte sich erst um 1900 aus einem Fischerdorf zum bedeutenden Seehafen.

Wort: Uwe Schieferdecker / Bild: Torsten Reineck