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Rotterdam und Amsterdam

Zwei Metropolen am Meer


Rotterdam und Amsterdam sind zwei große Städte der Niederlande und unterschiedlicher, wie sie kaum sein könnten. Hier eine herbe, abweisende Industrie- und Hafenstadt mit Plattenbauten und Hochhäusern, da der schnuckelige Touristenmagnet mit romantischen Grachten und pittoresken Backsteinbauten. Doch wie so oft lohnt der Blick hinter die Kulissen …
Es ist noch gar nicht so lange her, da zählte Holland zu den bedeutendsten Seefahrts- und Kolonialmächten. Ablesbar bleibt das an der prunkvollen Architektur vergangener Jahrhunderte oder den reichen Kunstmuseen. Rotterdam gilt auch heute als größter Hafen der Welt. Seine Pracht früherer Zeiten fiel jedoch dem deutschen Bombenangriff des Jahres 1940 zum Opfer. Bereits Anfang der 1950er Jahre legten die Stadtväter hier eine Fußgängerzone an. Die Lijnbaan steht heute unter Denkmalschutz und diente als Vorbild für die Neuerrichtung der Prager Straße in Dresden. In der Einkaufsstraße finden sich vor allem teure und coole Klamottenläden. Hier in der Ecke präsentiert sich auch die Kult-Designerin für Dessous, Marlies Dekkers, die Stars wie Lady Gaga für ihre Auftritte ausstattet.
Zu den aufregendsten Bauten Rotterdams gehören die 1984 fertig gestellten Kubus-Häuser. Die umgekippten Würfel des einheimischen Architekten Piet Blom ruhen auf Pfählen am Alten Hafen. Eine Hostel-Kette bietet hier Übernachtungen ab 30 Euro an. In der Gegenwart zählt Rotterdam zu den modernsten Städten der Welt, Namen wie Rem Kohlhaas, Norman Foster und Renzo Piano stehen hier vor allem für spektakuläre Hochhäuser.
Nun mag Architektur Geschmackssache sein. In den letzten Jahren etablierte sich Rotterdam überraschend als die Partystadt in den Niederlanden. Toleranz wird hier groß geschrieben (übrigens hat die Stadt als erste westeuropäische Metropole einen muslimischen Bürgermeister).
In der Pannekoekstraat treffen sich nach Mitternacht die Studenten in Bars und Szenelokalen. Der Club Ahoy in einer ehemaligen Fabrikhalle wurde 2009 vom Lonely Planet zur besten Bar gekürt. Stars wie die Rolling Stones, Pink Floyd, Madonna und Robbie Williams standen hier bereits auf der Bühne. Ganz zeitgemäß gibt sich der Club Watt: Tanzen bis die Birne glüht - die Gäste sollen hier leidenschaftlich abhotten und ertanzen dabei fünf bis zehn Watt. Die Rotterdamer Bars kommen erst gegen Mitternacht richtig in Schwung und schließen zum Morgengrauen.
Die Museen der Hafenmetropole präsentieren Zeugnisse aus der großen Zeit als Seefahrernation ebenso wie aktuelle Trends. Im Museumspark konzentrieren sich u.a. die vom Rotterdamer Architekten Kohlhaas entworfene Kunsthal oder das weltgrößte Architekturmuseum NAi. Das backsteinerne Museum Boijmans van Beuningen stellt überragende europäische Kunst vom Mittelalter bis heute aus, so Werke von Hieronymus Bosch, Rembrandt und van Gogh. Nach all dem scheint es zumindest fragwürdig, warum auch gutsortierte Buchhandlungen bestenfalls einen müden Reiseführer von Rotterdam führen, dagegen palettenweise Amsterdam im Angebot haben.
Zugegeben, das vielbeschworene Venedig des Nordens mit seinen kunstvollen Giebelhäusern nimmt seine Besucher sofort gefangen. Gebaut auf Pfählen, weisen inzwischen manche von ihnen eine gefährliche Neigung auf. Herz der mittelalterlichen Innenstadt mit ihren Grachten ist der Dam mit dem Koninklijk Paleis. Manche der Bauten sind hier eher weniger charmant und das Nationaal Monument, welches in der Mitte des Platzes steht, erinnert Kritikern zufolge an einen überdimensionierten Verkehrspoller.
Nur einen Steinwurf ostwärts entfernt beginnt das Rosse Burt, das Rotlichtviertel. Die Prostituierten sitzen leicht bekleidet im rosa Scheinwerferlicht. Lange Zeit galt Amsterdam als eine Art inoffizielle Sex-Hauptstadt des Kontinents. Die Bordelle und Bars sind zwar geblieben, doch zumindest die feiernde Schwulenszene ist längst in Richtung Berlin abgezogen.


Rotterdam und Amsterdam Rotterdam und Amsterdam Rotterdam und Amsterdam Rotterdam und Amsterdam

Ganz eigen ist die Kaffeekultur in Amsterdam. Für die Einwohner sind die 1.400 Cafés so eine Art zweites Zuhause. Da gibt es die gemütlichen traditionellen Cafés, in den Eetcafés liegt hingegen der Schwerpunkt auf dem Essen. Bruin Cafés erinnern an einen Pub, die Wände sind von jahrzehntelangen Kerzen- und Zigarettenqualm gefärbt. Die Grand Cafés entsprechen am ehesten unserer Vorstellung vom Kaffeehaus, die Coffee Shops wohl weniger. Seit Mitte der 1970er Jahre der Verkauf und Genuss kleiner Mengen weicher Drogen wie Haschisch oder Marihuana legalisiert wurde, weisen grün-weiße Schilder auf diese besonderen Orte hin. Einige Coffee Shops bieten eine ganz entspannte Atmosphäre, andere wiederum lassen laute Musik laufen und laden zu angeregten Gesprächen ein.
Natürlich gilt auch Amsterdam als ein Zentrum der Hochkultur. Internationales Aufsehen erregt das laufende Umbau- und Erweiterungsvorhaben des Stedelijk Museums im Stadtteil Oud-Zuid. Die städtische Einrichtung Amsterdams bietet eine der bedeutendsten Sammlungen der Kunst der klassischen Moderne. Werke Pablo Picassos und Claude Monets hängen neben Pierre-Auguste Renoir, Paul Cézanne, Wassily Kandinsky oder Marc Chagall. Noch ist das Haus nur in Teilen erlebbar, doch direkt neben dem Stedelijk Museum laden das Van Gogh Museum sowie das Rijksmuseum zum Besuch ein.
Fazit: Auch in Zukunft wird kaum ein Tourist Amsterdam missen wollen. Doch wer um Rotterdam einen Bogen macht, begeht gewiss einen Fehler.


Rotterdam und Amsterdam Rotterdam und Amsterdam Rotterdam und Amsterdam Rotterdam und Amsterdam

 

Wort und Bild: Uwe Schieferdecker, Tom