Kulisse im Filmmuseum Lódz Kulisse im Filmmuseum Lódz

Lódz und Warschau

Junge Mode in Polen


Den Polen sagen wir schöne Frauen nach. Auch ein Händchen für Mode ist ihnen eigen. So erscheint es nur folgerichtig, dass sich in der traditionsreichen Industriestadt Lódz seit 2009 jeweils im April und Oktober junge Modemacher zur Fashion Week treffen. Noch lächeln viele Macher in Paris oder Mailand über die teils unsicheren Schritte der jungen Wilden in Polen. Doch wurde die Berliner Fashion Week anfangs genauso mitleidig betrachtet und hat sich längst zur festen Größe im europäischen Modemarkt entwickelt.
Die Polen antworten mit einer Kreativität, wie sie in den satten Modezentren des Westens eher selten zu finden ist. In ihren Showrooms präsentierten in der zweiten Oktoberhälfte über 100 Labels ihre Kollektionen für Frühjahr und Sommer 2015. Darunter waren so bekannte Namen wie der in Berlin lebende Modedesigner Dawid Tomaszewski oder die in London wirkende Modemacherin Malgorzata Dudek. Zum breiten Programm gehörten neben der eigentlichen Messe und den Präsentationen in Showrooms auch zahlreiche Modenschauen sowie eine Ausstellung junger Modefotografen. Ungewöhnlich sind die Preisschilder an den Ausstellungsstücken der Fashion Week. Das Publikum kann hier auch einkaufen. Billig sind die Kreationen nicht.


Manchem Zeitgenossen fällt bei Lódz eigentlich nur der Schlager "Theo, wir fahr'n nach Lódz" ein. Überraschenderweise griff Vicky Leandros, die die Stadt selbst nicht kannte, dazu 1974 ein altes Lied auf. Es verballhornte nicht etwa die polnische Provinz, vielmehr stand Lódz im ausklingenden 19. Jahrhundert für einen atemberaubenden wirtschaftlichen Aufschwung. Der russische Zar brauchte seinerzeit für seine Armee Uniformen. Als Standort für die Textilindustrie wählte er ein Dorf namens Lódz aus, in dem 1800 nur wenige hundert Seelen wohnten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildeten riesige, von Polen, Juden und Deutschen geführte Textilfabriken ein Industrierevier mit über 300.000 Einwohnern. Die deutsche Partnerstadt heißt nicht zufällig Chemnitz.
Prachtvolle Fabrikantenvillen und Fabrikgebäude tragen heute zum Reiz der Fashion Week bei. Schicke Showrooms liegen in dem einstigen Produktionsgebäude der Fabrik Izrael Poznanskis, daneben attraktive Lofts und das Hotel "Andel's" mit einer preisverdächtigen Innenausstattung britischer Architekten. Teil des inzwischen sanierten Werksgeländes ist das Einkaufszentrum "Manufaktura", welches zu den größten in Mitteleuropa gehört. Wen wundert es da noch, dass das Wohnhaus des Inhabers Izrael Poznanski als größte Fabrikantenvilla in Polen gilt und auch hierzulande manchem Königsschloss Konkurrenz machen würde? Es beherbergt heute das Historische Museum von Lódz.


Die üppigen Fassaden der Piotrkowska-Straße erinnern an den längst vergangenen Glanz des Industriezeitalters. Auf den Innenhöfen hat sich inzwischen eine junge Szene angesiedelt. Nur eines vermisst der Besucher: Eben weil Lódz vor zweihundert Jahren nur ein kleines Dorf war, lässt sich beim besten Willen kein wirkliches Zentrum ausmachen. Vielmehr bilden alte Manufakturen die Kristallisationspunkte der Stadtentwicklung, gewissermaßen als Städte innerhalb des Stadtgebiets.
Als die polnische Hauptstadt Warschau noch in Trümmern lag, gründete Polen 1948 die Filmhochschule Lódz. Die alsbald berühmte Einrichtung brachte so namhafte Regisseure wie Roman Polanski und Andrzej Wajda hervor. Auch heute werden viele polnische Filme in der Stadt gedreht, die dafür gerne den Beinamen HollyLódz trägt. Das Museum für Kinematografie befindet sich in einem ehemaligen Palast des Fabrikanten Carl Scheibler, dem seinerzeit ein Drittel der Stadtfläche gehörte. Die Führerin zeigt uns originale Plakate und Filmrequisiten der vergangenen Jahrzehnte. Stolz verweist sie auf die prachtvollen Kachelöfen der Familie Scheibler, deren Kacheln sogar von Villeroy & Boch aus Dresden stammen würden!


Lódz befindet sich reichlich hundert Kilometer südwestlich der polnischen Hauptstadt. Da die Flug- und Eisenbahnverbindungen beinahe zwangsläufig über Warschau führen, bietet sich ein Besuch der Metropole an. Lódz kann heute nicht als reiche Stadt gelten. So haben viele etablierte polnische Modemacher ihre Ateliers und Läden in Warschau aufgemacht: Labels wie Paprocki & Brzozowski in der Altstadt gehören dazu ebenso wie Maciej Zien und die großzügige Boutique von Gosia Baczynska.
Viel Geld ist im Zusammenhang mit der Fußball-EM 2012 nach Warschau geflossen. Inzwischen erstrahlen weite Teile der Altstadt, nach 1945 auf der Grundlage von Gemälden Canalettos wiederaufgebaut, sozusagen in ihrem dritten Glanz. Rings um den markanten neoklassizistischen Kulturpalast wetteifern zeitgenössische Architekten wie Daniel Libeskind mit ihren Hochhäusern um Aufmerksamkeit im Stadtbild. Den besten Blick hat man jedoch weiterhin von der Aussichtsplattform des ungeliebten Geschenkes der Sowjetunion (gemeint ist der Kulturpalast).
Seit 140 Jahren bietet "A. Blikle" in Warschau edle Schokoladen und Patisserien an. Eine geschäftstüchtige Polin namens Magda Gessler öffnet Jahr für Jahr in prachtvollen Gebäuden neue, gut gestylte Restaurants, es sind inzwischen zwanzig. Diesen Luxus können sich hier nicht viele leisten. Als Gegenbewegung entstand direkt am Schlossplatz das knuffige Lokal "Warzawa de Luxe". Ein Getränk kostet hier fünf Zloty, also reichlich einen Euro. Für Hausmannskost wie Bigos, Hering, Blutwurst oder Kuttelsuppe sind einheitlich neun Zloty zu berappen. Auch wenn den Polen beim Gedanken an ihre Hauptstadt zuallererst "teuer" einfällt - es geht auch anders.

www.polen.travel/de
www.fashionweek.pl


Wort und Bild: Uwe Schieferdecker