Leserreisen

Im Nordosten Polens

Urwälder und Tataren


"Hinter dem Bug" bezeichnet im Polnischen eine Landschaft oder einen Menschen in der Ferne. Die Woiwodschaft Podlachien im äußersten Nord-osten Polens steht tatsächlich selten im Mittelpunkt des Geschehens.
Der dadurch bewahrte Reiz der Natur wird durch vier Nationalparks geschützt. Als bekanntester unter ihnen, wenn man wirklich davon sprechen will, gilt der Bialowieza-Urwald. Über Tausende von Jahren konnten sich ausgedehnte Erlenmischwälder, Moorlandschaften und Taigawaldgesellschaft ungestört entwickeln. Alte Bäume brechen zusammen und werden, von Moosen oder Pilzen zersetzt, bald wieder zum Humus neuer Gehölze. Nicht wenige Pflanzenarten finden hier eine letzte Zuflucht. Anderswo sind sie längst ausgestorben. Wildlebende Wisente, Tarpane, Steinadler, allein 13 Spechtarten, dazu Hermeline, Eisvögel und im Sommer viele Mücken stehen für die üppige Fauna von 12.000 Arten.
Das UNESCO-Welterbe erstreckt sich auf 876 Quadratkilometern zwischen Polen und Weißrussland. Sein Symbol ist das bereits erwähnte Wisent, das größte in Europa lebende Säugetier. Auf 450 Tiere wird der Bestand im polnischen Teil des Nationalparks geschätzt. Es ist gar nicht leicht, die scheuen Tiere zu Gesicht zu bekommen. Artur führt uns zu nachtschlafender Zeit an eine Lichtung. Der Wind steht günstig - er bläst uns ins Gesicht. Nichts passiert, wir stehen uns fröstelnd die Beine in den Bauch. Allmählich verfärbt sich das Himmelszelt von Pechschwarz über ein dunkles Blau ins Gräulich-Rötliche. Da, ganz hinten am Waldsaum, scheint sich etwas zu regen. Bedeutungsvoll richtet der Nationalparkmitarbeiter die Hand in die Ferne. Er hat ein geschultes Auge und erkennt die Tiere in der morgendlichen Dämmerung: Eine Gruppe von Wisenten.
Am Eingang zur Kernzone des Nationalparks Bialowieza befindet sich das Wald- und Naturmuseum. Der frühere Direktor der Einrichtung, Czeslaw Okolów, führt uns zu einem Wald-Diorama. Auge in Auge stehen wir vor einem riesigen Wisent. Hier allerdings ist es den Blicken der Menschen ausgesetzt und kann nicht fliehen - es ist ausgestopft. Über fünf Stunden währt unsere anschließende Exkursion in den eigentlichen Urwald. Okolów kennt wohl alle Wege und weiß, wie man zurückfindet. Für welche Altersgruppe der Park geeignet ist, frage ich ihn. Der 79jährige grinst und kontert: Er hätte hier keine Konditionsprobleme, Kinder, die am Computer groß geworden sind, schon eher.

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Auf einem Damm zwischen zwei Seen erhebt sich ein Obelisk aus Sandstein. Das Monument erinnert an eine königliche Jagd des Jahres 1752. Polnischer König damals war übrigens August III., Sohn August des Starken. Als Naturschützer gebärdete er sich gerade nicht: 42 Wisente wurden bei jener Hatz getötet, 20 allein von seiner Gattin. "Vorsicht!", ruft mich Czeslaw Okolów auf den Weg zurück, als ich ein besonderes Motiv für den Obelisken suche. "Spring mal auf und ab", rät er mir. Tatsächlich, der Boden unter mir schwingt wie ein Wasserbett. "Das ist das Moor", fügt er vielsagend hinzu. "Hier versinken selbst Elche in metertiefen Wasserlöchern. Sie haben keine Chance!"
Empfehlenswerte Reisezeiten in den Nationalpark sind das zeitige Frühjahr, der goldene Herbst und der Moment des ersten Schnees. Die Tiere hinterlassen ihre Fährten in der weißen Landschaft. Ach ja, Mücken gibt es dann auch keine mehr. Sehr schön kann der Urwald während einer siebentägigen Radtour erkundet werden, die vom Reiseveranstalter Nature Travel in Bialystok angeboten wird.
Der Nordosten des heutigen Polens war über Jahrhunderte ein Schmelztiegel von Völkern und Bräuchen. Juden, Tataren, Litauer, Weißrussen, Polen, Deutsche sowie Russen lebten über Jahrhunderte zumeist friedfertig miteinander. So ist es sicher kein Zufall, dass der Begründer der Kunstsprache Esperanto, Ludwik Lejzer Zamenhof, 1859 in der heutigen Woiwodschaftshauptstadt Bialystok geboren wurde. Im nahen Tykozin überdauerte die Große Synagoge von 1642 die Zeiten, heute ist sie ein spannendes Museum jüdischer Geschichte. Pilgernde Christen aus vielen Ländern des östlichen Europa hinterlassen auf dem heiligen Berg Grabarka tausende Holzkreuze. Das reizvolle Fotomotiv ist der wichtigste orthodoxe Wallfahrtsort in Polen.

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Den Höhepunkt des Tatarenweges in Podlachien bildet die hölzerne Moschee von Kruszyniany. Im 17. Jahrhundert kamen die muslimischen Tataren aus Litauen in die Region. In dem grün angestrichenen Sakralbau treffen sie sich freitags zum Gebet. Der Got-tesdienst wird von Dzemil Gembicki gehalten, der in seinem sonstigen Leben Geräte für Bodybuilding verkauft. Die tatarische Sprache ist inzwischen verloren gegangen, doch die Bräuche werden wieder gepflegt. Im Restaurant "Tatarska Jurta" kocht Dzennetta Bogdanowicz tatarische Speisen wie Kibiny oder Czebureki, ein herzhaftes Gericht aus lammfleischgefüllten Teigtaschen. Übernachtungen in der Jurte bietet sie ab zehn Euro an. Die rührige Bogdanowicz rief vor zehn Jahren ein Tatarenfest ins Leben, das nun alljährlich Ende Mai veranstaltet wird. Nachdem Prince Charles ihr Restaurant besucht hat, genießt sie unter ihren Landsleuten so etwas wie Kultstatus.
Im Sommerhalbjahr gehören sie zu Podlachien wie der Wein zur Mosel: Die Störche. Irgendwann lässt der Besucher das Zählen. Denn nirgendwo gibt es mehr von ihnen als in Polen: Weißstörche essen Frösche, Schwarzstörche auch Fische - und Gewässer gibt es im Land eben genug. So gelten ein Viertel aller Störche weltweit als in Polen gebürtig. Bogdan Toczytowski betreibt im Storchendorf Pentowo in der fünften Generation einen Bauernhof. Die 31 Storchennester auf seinem Gehöft führen alljährlich zwischen März und August 10.000 Besucher zu ihm. Zu Herbstbeginn werden es dann 120 Störche sein, die ihre Nester verlassen und sich auf die weite Reise nach Süden begeben. Und sie kommen wieder. Gastfreundschaft gehört zu den charakteristischen Eigenheiten der multikulturellen Bewohner Podlachiens.

www.wrotapodlasia.pl   •   www.polen.travel/de

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Wort und Bild: Uwe Schieferdecker