Patagonien

Nirgendwo ist auch ein Ort


"Ich dachte, nirgendwo ist auch ein Ort." Die Worte des britischen Schriftstellers Bruce Chatwin kamen mir in den Sinn, als ich nach stundenlangem Flug über karge patagonische Steppenlandschaften auf jenes Straßenschild in El Calafate stieß: Berlin 14.021 km, Sydney 10.010 km, New York 10.867 km.
Als Patagonien bezeichnet der Geograf eine Region im Süden Chiles und Argentiniens. Diese Zusammenfassung erscheint recht mutig. Im Westen liegen die Anden mit ihren Eisfeldern und Regenwäldern, auf der Atlantikseite erstrecken sich die endlosen Ebenen der Pampa. Und was in aller Welt haben schließlich Argentinier und Chilenen gemeinsam, wenn man mal von ihren tief eingebrannten gegenseitigen Vorurteilen absieht? Zwischen beiden Staaten thront auf dem unzugänglichen Kamm der Anden das nach der Antarktis und Grönland drittgrößte Inlandeisgebiet der Erde: Campo Sur. Bei einer Oberfläche von 16.800 Quadratkilometern übertrifft es in seiner Ausdehnung das Bundesland Thüringen. Beidseits der Grenze speist das gigantische Eisfeld eine Unmenge von Gletschern und nährt am Ostrand der Anden auch das größte Gewässer Argentiniens, den Lago Argentino. Mit seinen beinahe 1.500 Quadratkilometern hat er die dreifache Ausdehnung des Bodensees. Der Lago mit dem azurblauen Wasser ist Teil des Nationalparks Los Glaciares, der bereits 1981 zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde. Sein Wasserspiegel befindet sich nicht einmal 200 Meter hoch über dem Meeresspiegel. Umso überraschender mutet die Existenz des Perito-Moreno-Gletschers an, dessen Eismassen aus dem Campo Sur gespeist werden. Blütenweiß bis ultramarinblau schiebt sich dessen Eiswand auf 1,7 Kilometern Länge mit einer Höhe von 70 Meter quer durch den See. Wohl kein Gletscher der Welt ist in so perfekter Weise für den Besucher erlebbar: Auf der Prallseite präsentieren Laufstege den Perito Morena ganz aus der Nähe. Eine Bootsfahrt auf dem Lago zur Gletscherwand bringt echten Nervenkitzel. Mit einem Geräusch gleich dem Schuss aus einer Pistole löst sich ein Brocken von der Größe eines Einfamilienhauses. Atemlos verfolgen Touristen von einem Schiff das Schauspiel aus sicherer Entfernung. Es dauert eine kleine Ewigkeit, da prallt der tonnenschwere Eisbatzen auf dem Wasserspiegel auf und löst eine zehn Meter hohe Fontäne aus. Andere bezwingen den Gletscher während der siebenstündigen Trekkingtour "Big Ice". Dafür gelten allerdings Steigeisen an den Füßen und gute Kondition als Voraussetzung. In Abständen von mehreren Jahren schnürt der Gletscher Perito Moreno den See wie ein Damm vollends ab. In der Folge staut sich das Wasser dann in dem abflusslosen Südarm des Lago Argentinos auf. Irgendwann wird der Druck des um 30 Meter erhöhten Wasserspiegels zu groß. Zuletzt zerbarst die Gletscherzunge im Jahr 2008 in einem gigantischen Spektakel.
Szenenwechsel: Die majestätischen Felsspitzen der Torres del Paine gaben dem Nationalpark im benachbarten Chile seinen Namen. "Die zwei Stunden Weg jetzt sind das Schönste, was ich Euch zeigen kann", verspricht Manuel. In der Sprache der Mapuche-Indianer bedeutet Paine so viel wie "himmelblau", gemeint sind also die Türme im blauen Himmel. Die Blüten an den Büschen schwelgen dazu in leuchtendem Gelb oder Rot. Der hier beheimatete Glaciar Grey gehört zu den aufregendsten Gletschern der Anden. Kein Wunder, dass die UNESCO die Landschaft um die 3.000er Kolosse aus Granit zum Biosphärenreservat erklärte. Ein Kondor zieht am strahlendblauen Himmel seine weiten Kreise. Da taucht vor uns eine Herde Guanacos auf. Die possierlichen Tiere sind offensichtlich mit den Kamelen und Lamas verwandt. Einst sicherten sie das Überleben der Mapuche und lieferten ihnen Fleisch, Leder und Wolle. Vor der Erklärung zum Nationalpark 1959 ließen die Farmer hingegen weite Waldflächen zur Gewinnung von Weideflächen abbrennen. Ihre Jagd und das Vordringen der Schafe und Rinder führten fast zur Ausrottung der Guanacos. Wie ein Flickenteppich wirkt der tiefblaue Lago Nordenskjöld, der die vom Eis geformten Felskuppen umspült. Gut ausgeschilderte Wanderwege erschließen das Naturwunder am Ende der Welt. Ein schlichtes Holzschild warnt uns vor starkem Wind. Weit in der Ferne peitscht eine Orkanböe den See auf. Eben noch bildet sich die Gischt ganz hinten als weiße Wand ab. Sekunden später sind wir nass wie die Pudel. "Brillen festhalten!", ruft Manuel, unser Führer. Doch zu spät ...
Zu erreichen sind die Torres del Paine über die chilenische Hafenstadt Puerto Natales oder, touristisch weit besser erschlossen vom argentinischen El Calafate aus. Die etwa 400 Kilometer dahin lässt uns die patagonische Pampa auf Schotterpisten erleben. Ein erstaunlich komfortabler, allradgetriebener Truck von South Road trägt seinen Teil dazu bei, die Exkursion zu einem unvergesslichen Erlebnis zu gestalten. Die Grenzpassage inmitten des patagonischen Nirwana muss man wohl als Folklore begreifen. Mein flüchtiger Halbsatz veranlasst Manuel zu einem Hechtsprung vor den Durchleuchtungsapparat der Zöllner. Mir erspart das 300 Dollar Strafe eines grimmig dreinblickenden Chilenen. Der Anlass war ein argentinischer (Zank-)Apfel in meinem Handgepäck. Der Tag neigt sich seinem Ende entgegen, als mich ein dumpfer Knall aus den Gedanken reißt: Reifenpanne. "Kein Problem, nur etwas Zeit" beruhigt Manuel die Gemüter. Im dämmrigen Abendlicht verschwimmt die Straße mit dem großen Namen Panamericana in wirren Farben von Orange, Rot und Lila zur endlosen Steppe Patagoniens.

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Wort und Bild: Uwe Schieferdecker

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