Jerusalem und Totes Meer

Reise in die Vergangenheit


Der Staat Israel erstreckt sich über eine Fläche von der Größe Sachsen-Anhalts. Doch welche Vielfalt an Geschichte, Landschaften und Sehenswürdigkeiten konzentriert sich hier! Das weltoffene Tel Aviv, das salzige Tote Meer, das biblische Nazareth oder das uralte Hebron. Doch wohl kein anderer Ort wird weltweit stärker als Schmelztiegel verschiedener Kulturen mit all den daraus erwachsenden Konflikten wahrgenommen als Jerusalem. Der von König Salomon erbaute Große Tempel ist für die Juden das Heiligtum überhaupt, so wie für die Muslime der Felsendom und die Al-Aksa-Moschee. Die Christen wiederum verknüpfen Jerusalem auf das Engste mit dem Wirken, Sterben und der Auferstehung Jesu.
Eine 70 Kilometer lange Autobahn führt vom glitzernden Tel Aviv an der Küste kurvenreich hoch in die judäischen Berge. So manch betagter Wagen säumt den Straßenrand mit kochendem Kühler. Es sind denn auch gemischte Gefühle, die uns beim Erreichen des "Zentrums der Welt" ereilen. Wie viele Orte im Nahen Osten über Jahrtausende erblüht, zerstört, wiederaufgebaut und neuerlich von Kriegen heimgesucht. Römer, Byzantiner, Kreuzritter, Osmanen, Engländer - welche Großmacht der Geschichte hinterließ hier wohl nicht ihre Spuren? Dabei bedeutet Yerushalayim im Hebräischen "Ort des Friedens". Kein wirklich treffender Name für eine Stadt, die in ihrer viertausendjährigen Geschichte 36 Kriege durchlitt.
Im damals türkischen Jerusalem weihte Kaiser Wilhelm II. 1898 unweit der Grabeskirche - von der Entfernung eines "Steinwurfs" möchte man nicht sprechen - die protestantische Erlöserkirche ein. Der 46 Meter hohe Turm verspricht eine einmalige Sicht über das Gassengewirr der Altstadt.




Die Grabeskirche selbst vereint sechs christliche Konfessionen. Ironie der Geschichte: Weil deren Miteinander nur selten friedliche Züge trug, übergab Sultan Saladin die Schlüsselgewalt einer muslimischen Familie. Deren Nachfahre, Waheeh Nuseibeh, übt das Amt auch 820 Jahre (!) später noch aus. Manchmal ist er allerdings überfordert, darum schützt eine eigene Polizeistation die Christen voreinander.
Die mächtige Stadtmauer umgibt eine historische Altstadt, sieben ehrwürdige Stadttore erlauben den Zugang zu ihr. Die Mühlen mahlen hier langsamer als anderswo, wo man die Festungsanlagen längst abgerissen hätte: Das mächtige Goldene Tor etwa könnte einen achten Eingang bieten. Wenn es denn nicht vorsichtshalber seit Jahrhunderten zugemauert wäre! An jeder Ecke wacht eine militärische Streife, sonst aber spürt der Tourist wenig von dem Fokus des Weltkonflikts schlechthin - denn dieser teilt Jerusalem in einen westlich-israelischen und einen palästinensischen Teil.




Wir aber haben beim Gang durch das Gassengewirr der Altstadt bestenfalls Angst, uns zu verirren. Fremdartige Gerüche von unsagbar süßem Gebäck und unbekannten Gewürzen liegen in der Luft. Die Fassaden muten wie eine gewaltige Filmkulisse an, zumal wir uns vorkommen wie auf einer Zeitreise zu den alten Römern, den Kreuzrittern oder in einem Märchen von Ali Baba. Das muslimische Viertel gleicht denn auch einem riesigen Basar: Frisches Gemüse liegt neben geschlachteten Hühnern, billige T-Shirts neben wertvollen Teppichen. Hinzu kommt der übliche Firlefanz, den kein Mensch braucht.
Ein Guide führt uns entlang der 14 Stationen von Jesus’ Leidensweg zur Grabeskirche. Dicke Mauern, flackernde Kerzen und der intensive Duft nach Weihrauch: Wo sonst wird binnen drei Stunden ein Crashkurs über 4.000 Jahre Menschheitsgeschichte geboten? Die Abendsonne lässt die goldbedeckte Kuppel des Felsendoms in strahlendem Glanz erscheinen. Von den Minaretten suchen sich die Muezzine gegenseitig zu übertönen. Jerusalem übt schier unbeschreibliche Reize auf alle Sinne aus …




Als Jerusalem noch römische Garnisonsstadt war und Aelia Capitolina hieß, durften die Juden nur einmal im Jahr hierher zum Beten kommen. An den mächtigen Kalksteinquadern eines zerstörten Tempels beweinten sie ihr Schicksal. Jeder in der Welt hat schon von der Klagemauer vernommen. Das bedeutendste Heiligtum der Juden ist 48 Meter lang und 18 Meter hoch. Es muss hier nicht erwähnt werden, dass die Stadt eine Vielzahl weiterer jüdischer Gedenkstätten oder Museen aufweist, von denen jede(s) den Besuch lohnt.
Nur eine halbe Autostunde entfernt von Jerusalem wartet die Wüste mit einem Wunder auf, dem Toten Meer. Es weist die zehnfache Salzkonzentration des Mittelmeers auf, liegt als tiefster Punkt auf Erden 422 Meter unter dem Spiegel der Ozeane und erlaubt jedem, der schon immer mal schwimmen wollte und es nicht vermag, das unbeschwerte Bad. Am Ufer des Toten Meeres türmen sich skurrile Salzformationen und im Süden die gewaltige Festung Massada. Im Jahr 73 unserer Zeitrechnung führten hier 965 jüdische Krieger einen aussichtslosen Kampf gegen die römischen Legionen des Herodes. Um der Sklaverei zu entgehen, töteten sie sich in der Nacht vor der Einnahme der Burg gegenseitig. Nur zwei Frauen und drei Kinder überlebten das Gemetzel. Vielen Israelis gilt die Festung bis heute als ein Symbol der Freiheit.
Und wir spüren einmal mehr: Man muss wohl sehr weit in die Geschichte zurückgehen, um das Wesen der Menschen hier zu verstehen.

www.goisrael.de


Wort und Bild: Torsten Reineck und Uwe Schieferdecker


Jerusalem und Totes Meer Western Wall Jerusalem und Totes Meer Jerusalem und Totes Meer