Leserreisen

Italien

Die Märchenfabrik in Macerata


Mein erster Eindruck, als ich in Macerata ankam, war: Hier ist die Welt noch in Ordnung. Der Busfahrer brachte mich und meinen schweren Koffer bis vor die Haustür.

Macerata ist eine mittelalterliche Kleinstadt im grünen Mittelitalien (Region Marken), nahe der Sibillinischen Berge und unweit der adriatischen Küste. In Macerata sitzt die Fabbrica delle Favole, die Märchenfabrik, eine Privatschule für angehende Buchillustratoren, gegründet von Mauro Evangelista. Hier kann man den Master in Illustration machen, hier folgen die Studenten nicht einem, sondern mehreren Meistern. So wird eine Vielfalt von Stilen gefördert, von Fotorealismus über Arbeiten in Öl, Acryl oder Wasserfarben bis hin zu Techniken wie Collage, Kupferstich oder Druck. Das Besondere dieses Studienganges ist, dass die Teilnehmer von Beginn an mit einem echten Buchprojekt betraut werden, welches von einem Verlagshaus in Auftrag gegeben wird.
"Es war anfangs nicht leicht, die Verleger von dem Projekt zu überzeugen", erzählt Mauro. "Die Teilnahme am Projekt verlangt, dass ein Text sozusagen für ein Jahr still liegt, und der Verleger muss dazu noch einen Studenten betreuen. - Den Master gibt es nun seit drei Jahren, bei dem das dritte noch nicht abgeschlossen ist, und wir zählen bis zum jetzigen Zeitpunkt bereits 15 Publikationen unserer Studenten mit wichtigen italienischen und internationalen Verlagshäusern."
Mittlerweile übernimmt die Schule auch die Funktion einer Agentur, die ehemalige Studenten vermittelt und unterstützt. Die ganze Stadt hilft bei der Promotion maceratesischer Illustratoren. Die Buchhandlung und die Bibliothek organisieren Lesungen von Werken der jungen Künstler und die Kommune stellt Räumlichkeiten für Ausstellungen zur Verfügung. Bis zum 4. August zum Beispiel werden im Palazzo Buonaccorsi fantasiereiche und vielfältige Werke aus der Märchenfabrik gezeigt. Der Palazzo beherbergt ebenfalls das Museo delle Carozze mit seinen schönen Kutschen sowie ein Museum zur Geschichte Italiens.
Aber auch sonst hat das Städtchen viel zu bieten. Das Essen kommt meist frisch vom Bauern, man kann Ausflüge in das grüne Berge- und Burgenumland unternehmen, und in einer halben Autostunde ist man am Meer. Feinschmecker kommen im Pozzo auf ihre Kosten. Die Zwillingsbrüder Paolo und Francesco Bragoni führen das Lokal seit den 1970er Jahren mit der Intention, hier einen intellektuellen und emotionalen Treffpunkt zu bieten. Diese Philosophie spiegelt sich auch im experimentellen Gebrauch der Zutaten und Kräuter wider; der japanische Chefkoch ist gleichzeitig Professor an der Kunstakademie.
Im Cortile gibt es keine Speisekarte. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Jeden Tag bereitet die tüchtige Köchin, von allen liebevoll La Mamma genannt, eine Auswahl frischer Pasti, Pizzen, Salate und Gebäck zu.
Jeden Sommer, seit 1921, wird das Freilufttheater Sferisterio zum Schauplatz von Opern- und anderen Musikveranstaltungen. Im Juli kommt internationales Publikum in die 7.000 Plätze bietende neoklassische Arena. Auch das elegante Teatro Rossi mit seinen in Gold und Blau gehaltenen Balkons hat für Kulturliebhaber einiges zu bieten. Vom Architekten Antonio Bibbiena im 17. Jahrhundert erbaut, ist es schon baulich ein einzigartiges Juwel.
Wenn das Wetter mitspielt, kann man das Geschichts- und Kulturprogramm getrost zur Seite schieben und sich den landschaftlichen Höhepunkten der Sibillinischen Berge widmen. Dieses Kalksteinmassiv in den Südmarken verfügt nicht nur über einen der höchsten Berge des italienischen Festlandes, den Monte Vettore (2.476 Meter), es bildet mit seinen unberührten Bergseen und windgepeitschten Hochebenen auch eine der schönsten Landschaften der Marken. Der Naturpark ist eine Welt für sich, ein Territorium, in dem Magie, Natur und die von Menschenhand gestaltete Kulturlandschaft zu einer einzigartigen Realität zusammengewachsen sind. Man muss nicht unbedingt die hohen Gipfel erklimmen. Viel interessanter ist die bewohnte Höhenstufe zwischen 700 und etwa 1.200 Metern. Ein einheitliches, fast urwaldartiges Grün überzieht die Bergflanken. Darin verstecken sich unzählige kleine, halbverlassene Bergdörfchen.
Lebhaftes Nachtleben findet man in Civitanova. Dieser attraktive Badeort ist gleichzeitig ein farbenfroher Fischereihafen sowie ein Zentrum der Schuhindustrie. Die eigentliche Stadt zentriert sich um die große Piazza XX Settembre und lädt ein zum eleganten Schaufensterbummel und zum Verweilen in den öffentlichen Gärten. Nachts verwandelt sich die Küste in eine aufregende Strandmeile, gesäumt von Bars und Restaurants.
Nur sechs Kilometer landeinwärts liegt Santa Maria a Pie' di Chienti, eine der ältesten und bezauberndsten Kirchen der Marken mit Fresken aus dem 14. Jahrhundert. Am südlichen Vorsprung des Monte Conero wiederum befinden sich die Badeorte Sirolo und Numana. Sirolo ist der schönere - mit seiner charmanten Altstadt und der von Bäumen umstellten Piazza, die wie ein Balkon hoch über dem Meer schwebt.
Südlich von Macerata, nur zehn Minuten mit dem Auto entfernt, lockt die Abbazia di Fiastra, ein Zisterzienserkloster, eingebettet in eine wunderschöne Landschaft. Beeindruckend sind die wunderbaren Fresken der Brüder Salimbesi und der schöne Renaissancekreuzgang. Das gesamte Gebiet ist ein Naturschutzpark, idyllisch und auch zum Wandern geeignet. Märchenhaftes rund um die Märchenfabrik.

www.fabbricadellefavole.com •  www.maceratabymarche.it

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Unsere Autorin studiert derzeit an der Fabbrica delle Favole.
 

Wort und Bild: Anne-Kristin Knabe