Irland

Quer über die Insel


Irland galt lange als Armenhaus Europas. Über drei Millionen Iren verließen in der Vergangenheit ihr Heimatland vom Ausschiffungshafen Cobh gen USA, Südamerika oder Australien! Die Zahl wirkt umso eindrucksvoller, wenn man bedenkt, dass die Republik Irland heute rund viereinhalb Millionen Einwohner zählt. Doch seit den 1990er Jahren erlebte die Grüne Insel eine beispielhafte Entwicklung, für die auch und gerade Dublin steht.
Die irische Hauptstadt gehört nicht gerade zu den großen europäischen Metropolen. Weder weist sie eine beschauliche Altstadt, noch imperiale Boulevards oder eine gewaltige Skyline auf. Und doch ist es das Lebensgefühl, das in zunehmenden Maße auch Touristen anzieht. Da ist Dublin Castle - das mächtige Schloss, einst als britisches Machtzentrum im Visier der irischen Freiheitskämpfer. Der Weg entlang des River Liffey zum Trinity College führt durch das Szeneviertel Temple Bar. Das noch in den 80er Jahren heruntergekommene Quartier entwickelte sich mit hunderten Kneipen und Restaurants zum angesagtesten Treffpunkt für Jugend und Touristen.
Ob alle Iren Visionen haben, sei dahin gestellt. Sir Arthur Guinness jedenfalls hatte sie. Er gründete 1759 die heute größte Stout-Brauerei und ließ sich die Betriebsrechte auf satte 9.000 Jahre sichern. Im Besucherzentrum wird dem Touristen die grandiose Erfolgsgeschichte multimedial vermittelt; ein Glas der Hausmarke sowie der Kurs, wie man es perfekt selber zapft, sind im Eintrittspreis enthalten. Zu Recht gilt das Guinness Storehouse als eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten des Landes!
Ein architektonisches Meisterwerk ist die Library im Trinity College. Die erste irische Universität geht auf das Jahr 1592 zurück. Das georgianische Prachtgebäude befindet sich an einem Landschaftspark mitten im Stadtzentrum. Dort wird auch das 1.200 Jahre alte Book of Kells bewahrt. Prachtstück der Old Library ist der 70 Meter lange Lesesaal und seine beeindruckende Gewölbedecke.

Irland - Guinness Storehouse Irland - Dublin Castle Irland - The Temple Bar in Dublin Irland - Keltische Hochkreuze in Monasterboice

Die Grüne Insel gehörte um die Jahrtausendwende zu den Ländern Europas, in denen das Finanzkapital besonders zügellos und blind wirtschaftete, die desaströsen Folgen seit der Finanzkrise sind bekannt. So ist der Tourismus heute mehr denn je ein Hoffnungsträger des Landes.
Neugierig begeben wir uns auf eine Tour quer durch Irland. Es dauert einen Moment, bis das Linksfahren zur Gewohnheit wird. Vor allem an Kreisverkehren treibt es den Mitteleuropäer gern in die falsche Richtung. Schnell wird deutlich, die Insel ist weit mehr als grünes Hügelland mit glücklichen Kühen. Von Ackerland und Weiden umgeben sind die beeindruckenden keltischen Hochkreuze an den Ruinen des Klosters Monasterboice. Wenige Kilometer weiter befindet sich die beeindruckendste prähistorische Grabanlage Irlands, die über 5.000 Jahre alten Hügelgräber von Newgrange. Vor allem im Sommer sind die Schlangen am Visitor Center lang. Doch die Besichtigung einer der Grabkammern lohnt den Aufwand. Das irische Steinzeitwunder ist sogar älter als die ägyptischen Pyramiden von Giza.
Mit unserem Mietwagen fahren wir über gemütliche Landstraßen westwärts und gelangen schließlich in das Küstenstädtchen Galway. Vielleicht ist die Insel nirgendwo irischer als hier, zumindest trifft die Kleinstadt genau unsere Klischeevorstellungen. Die malerische Bebauung am Hafen und in der Altstadt reicht bis in das 16. Jahrhundert zurück. Die Musikszene Galways genießt einen hervorragenden Ruf. Unzählige Kneipen und Pubs wie Tigh Neachtain, Monroe's Tavern oder Fureys Sheela Na Gig machen die autofreie Innenstadt zum Mekka auch für uns Nachtschwärmer.

Irland Irland - Kylemore Castle in Connemara Irland - Poulnabrone Dolmen Irland

Galway ist ein idealer Ausgangspunkt für Exkursionen an der Westküste. An den über 200 Meter hohen Klippen des Cliffs of Moher erfreuen sich nicht allein die Touristen. In den Schichten aus Schiefer und Sandstein nisten auch Tausende Seevögel. Die geologische Fortsetzung der Kalkformationen im Meer bilden die teilweise bewohnten Aran Islands, die vor der Mündung der Galway Bay wie eine natürliche Barriere aus dem Meer ragen.
Eine ganz andere, aber nicht weniger berührende Anmutung bietet Connemara: Moore, Felsen und Heideland prägen diesen Nationalpark. Fotomotive gibt es unzählige, ob die kleinen Connemara-Ponys, die gerne an den märchenhaften Bergseen grasen, oder das verträumte spätgotische Kylemore Castle, das heute von Nonnen des Benediktinerordens betrieben wird.
Neben Hotels sind die weit verbreiteten Bed-&-Breakfast-Angebote eine gute Alternative. Und manchmal vermieten auch die Pub-Betreiber kleine Gästezimmer über ihrem Lokal. Als wir wieder einmal spät gestrandet waren, gab uns eine Kellnerin die Telefonnummer von Betty. Die vitale Rentnerin holt uns mit ihrem Wagen im Stadtzentrum ab, fuhr trotz später Stunde bestens gelaunt durch das Wirrwarr der Einbahnstraßen und präsentierte uns stolz ihr B&B-House, das sie erst vor einigen Monaten gekauft und schick und hell umgebaut hat. Sie kommen aus Germany? Stolz zeig uns Betty ihre deutschen Küchengeräte. Am Morgen serviert sie ein leckeres Frühstück und wir kommen bei Toast und Ei ins Gespräch mit dem Radfahrer aus Frankreich, zwei gesetzten amerikanischen Damen und zwei quirligen spanischen Studenten.
Bereits auf der Rückreise besuchen wir im Landesinneren den Rock of Cashel. Grüne Weiden der Midlands, Felsen und eine Kirchenruine - irischer geht es kaum. Kein Wunder, dass der Kalksteinhügel mit der pittoresken Ruine einer gotischen Kathedrale so manchen Filmemacher inspirierte. Wir werden die Romantik dieser Landschaft noch lange als vielleicht schönste Szenerie unserer Reise in Erinnerung behalten.


Wort: Uwe Schieferdecker / Bild: Torsten Reineck


Irland Irland - Old Library im Trinity College von Dublin Irland - Rock of Cashel Irland - Newgrange