In der Bretagne

Finistère - Ende oder Anfang


Kaum eine Region in Frankreich ist solcherart von Mythen und Legenden umwoben wie die sturmumtoste Bretagne. "Finistère" bedeutete schon zu römischer Zeit das Ende der Welt.
"Penn ar Bed" setzen die Einheimischen dem selbstbewusst dagegen, was so viel wie der Anfang oder das Haupt der Welt bedeutet. Tatsächlich ragt die schroffe Felsenküste mit fjordähnlichen Buchten weit in den Atlantik hinein. Der Mond bestimmt hier das Leben der Menschen: Die Ebbe bringt den Sonnenschein. Mit der Flut kommen Regen und Sturm. "Vier Jahreszeiten an einem Tag" kommentieren die Bewohner das mit einem gewissen Stolz.
Über Jahrtausende hinweg forderten felsige Klippen, gefährliche Untiefen und gewaltige Strömungen die Seefahrer heraus. Auch heute muss ein jedes Schiff, welches - von Asien, Afrika, dem Mittelmeerraum, Nord- oder Südamerika kommend - in Richtung Nord- und Ostseeraum steuert, zwangsläufig das französischen Westkap Point du Raz passieren. Allein an größeren Pötten sind das in der Gegenwart etwa 50.000 im Jahr! Dutzende Leuchttürme weisen ihnen dabei den Weg.
Selbst in der Gegenwart gehört der Eingang zum Ärmelkanal zu den gefährlichsten Meeresregionen der Erde. 1978 sank der amerikanische Öltanker "Amoco Cadiz" vor Ouessant und verschmutzte die gesamte bretonische Küste. Seitdem wurden die Schiffsrouten 70 Kilometer in den Atlantik hinein verschoben. Das kostet die Reedereien zwar viel Treibstoff, schützt dafür aber eine einzigartige Küstenlandschaft.
Die bretonische Küste wird von 800 ganz verschiedenartigen Inselchen gesäumt. Reichlich 15 Quadratkilometer groß ist das Felseneiland Ouessant, der westlichste französische Punkt in Europa. Allein fünf Leuchtzeichen weisen den Seeleuten hier den Weg. Der Festungsbaumeister Marquis de Vauban errichtete 1700 auf Ouessant Frankreichs ersten Leuchtturm am Ärmelkanal überhaupt. Zu den beeindruckenden "Kathedralen der Küste" gehört der Phare du Créac'h. Das Licht des leuchtstärksten Seezeichens Europas ist noch in 80 Kilometern Entfernung zu sehen! Nicht zufällig wählte Philipp Lioret 2004 Ouessant aus als Schauplatz für seinen Film "Die Frau des Leuchtturmwärters".
Die weit in den Atlantik vorgeschobene Insel besteht aus uraltem Granitstein und Schiefer. Dank des sehr feuchten Klimas wirken die üppigen Wiesen wie weiche Teppiche. Das besondere Licht zwischen dem tiefliegenden Himmel und der tosenden Gischt des Ozeans zieht Künstler und naturverbundene Touristen an.
Über den schlichten Häusern der Inselhauptstadt Lampaul reckt sich ein reich verzierter neogotischer Kirchturm. Er ist ein Geschenk der britischen Krone als Dank für die Rettung englischer Schiffsbrüchiger. Das war nicht immer so: Über Jahrhunderte wurden Seeleute bei schwerer See mit falschen Lichtzeichen bewusst in die Irre geführt. Letztlich stammen hier alle historischen Holzgegenstände von gestrandeten Schiffen. "Wer Ouessant sieht, sieht sein Blut", lautete eine alte Seefahrerweisheit. Die junge Inselbewohnerin Ondine Morin weiß den Touristen jedoch auch viele Geschichten von der Liebe und der Sehnsucht der Frauen zu erzählen, deren Männer ihr Schicksal dem Meer verschrieben hatten (www.kalon-eusa.com).

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Weiter südlich trennen eine mächtige Meeresströmung und gefährliche Riffe das Eiland Île de Sein vom 70 Meter hohen Felsenkap Point du Raz. Ein grün-weißer Leuchtturm überragt bilderbuchartig die kleinen bunten Häuschen des Inselortes Le Bourg. Zu seiner Rechten öffnet sich der Fischerhafen bei Ebbe, links von ihm legen die Boote bei Flut an. In den urigen Kneipen und Gaststätten an der Kaimauer von Le Bourg werden garantiert fangfrische Meeresfrüchte serviert.
Doch die Idylle trügt auch hier: Im Restaurant Ar-Men weist uns der Skipper Jean Cosquer auf die Bilder an der Wand hin. Was aussieht wie eine Photoshop-Montage, ist echt: In doppelter Haushöhe peitschen die Wellen des Atlantiks gegen die Fischerhäuser von Le Bourg. "Qui voit Sein, voit sa fin", lautet ein weiteres Matrosensprichwort: "Wer Sein sieht, sieht sein Ende", verkündet es diabolisch. Doch die 350 Bewohner der Île de Sein trotzen den Urgewalten. Das macht sie wohl stark: Als General de Gaulle die Franzosen 1940 zum Widerstand gegen die deutschen Besatzer aufrief, meldeten sich - mit Ausnahme des Leuchtturmwärters und des Pfarrers - die männlichen Inselbewohner geschlossen zum Aufstand. "Sein ist die Hälfte Frankreichs", reagierte de Gaulle gerührt. Ein bemoostes Denkmal auf den Klippen erinnert an die Helden der Résistance.
Wo sonst schwere Wolken auf dem graublauen Atlantik lasten, fühlt man sich auf den bretonischen Glénan-Inseln geradezu in die Südsee versetzt. Zwölf flache Eilande bilden einen eigenen kleinen Archipel, der von weißen Sandstränden und einem azurblauen Meer geprägt wird. Von Juni bis September bringen Boote Tagestouristen von Concarneau zur Hauptinsel Saint-Nicolas. Hotels oder Campingplätze sind hier Fehlanzeige. Lediglich ein nicht wirtschaftlich orientiertes Jugendcamp mit Sechsbettzimmern erlaubt eine ebenso sparsame - 16 Euro - wie bescheidene Übernachtung. Weithin berühmt sind die Segelschule und das Tauchzentrum.
Nicht jedermanns Sache mag die Begegnung mit einem Riesenhai sein. Der bis zu sieben Meter lange Fisch ernährt sich allerdings nur von Plankton. Vor allem für Botaniker ist die Glénan-Narzisse eine Attraktion. Von April bis Juni entfaltet sie ihre Blütenpracht auf der Inselgruppe und nirgendwo sonst auf der Welt. Schönheit und Gruselfaktor vereint der eben erschienene Krimi "Bretonische Brandung". Kult-Krimiautor Jean-Luc Bannalec verlegt die Handlung auf die Glénan-Inseln. Genau das Richtige also zur Einstimmung auf die Bretange ...

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Wort und Bild: Uwe Schieferdecker


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