Leserreisen

Formentera

Traum in Türkis


Vom Eise befreit mögen die Zuflüsse der Elbe und Saale zum Osterfest wohl sein. Doch nach den langen Wintermonaten dürstet es den Sachsen mehr denn je nach Sonne. Eine perfekte Antwort bietet hierfür die Insel Formentera mit ihren paradiesischen Stränden, idyllischen Meeresbuchten und üppiger mediterraner Vegetation. Auf der Landkarte wirkt das Eiland wie ein Seepferdchen.
Bis ins 18. Jahrhundert blieb Formentera unbesiedelt. Die kleinste der Balearen-Inseln am Rande Europas gilt seit jeher als Geheimtipp. Auch heute ist die Insel nicht mit dem Flugzeug, sondern ganz klassisch über eine gut ausgebaute Fährverbindung von Ibiza aus zu erreichen.
Formentera ist das südlichste Eiland der Balearen. Von der Klippe mit dem Leuchtturm La Mola ist bei klarem Wetter Afrikas Küste zu erkennen. Gerade nach der Dunkelheit des vergangenen Winters bereitet uns das unbeschreibliche Türkis des Meeres zu Füßen echte Glücksgefühle. Kein Wunder, dass Jules Verne die Insel in seinem Buch "Hector Servadoc - Reise durch die Sonnenwelt" verewigte. Ein Monolith erinnert unweit des Leuchtturms von La Mola an den Schriftsteller.
In den 1960er Jahren, als sich in Mallorca der Massentourismus etablierte, entdeckten die Hippies Formentera. Sie bemerkten damals wohl überhaupt nicht, dass es auf der Insel noch kein elektrisches Licht gab. Schließlich bereiteten sie sich nächtens ihr Schlaflager irgendwo unter einem Baum. Von wenigen Ausnahmen - wie dem wunderschön gelegenen Hotel Formentera Playa in Playa Mitjorn - abgesehen, übernachten die Touristen heute in kleinen Pensionen und Privatquartieren. Auf diese Weise ist die Natur ungestört zu erleben. Ein Billigreiseziel ist Formentera gleichwohl nicht.
Inzwischen ist es ein halbes Jahrhundert her, dass die Hippies von Ibiza auf die einsame Nachbarinsel flüchteten. Längst sind sie in die Jahre gekommen und bieten doch unverdrossen an den Stränden und auf dem Markt von El Pilar de la Mole ihre selbstgefertigten Kunstgegenstände an. Körbe, Kleidungsstücke und Stoffschuhe sowie Glasarbeiten und Leder gelten als beliebte Mitbringsel der Touristen. Der Marktbesuch wird zum Erlebnis, wenn Hippies auf der Bühne aufspielen und die Künstler mit den Besuchern in den umliegenden Straßencafés plauschen. Die Betreiber achten streng darauf, dass das hier angebotene Kunsthandwerk tatsächlich auf Formentera entstanden ist.



Spät abends treffen sich die Freaks in der Bar "Fonda Pepe" im Inselort San Fernando wieder. Pepe, der legendäre Vater des heutigen Inhabers, öffnete das Lokal bereits im Jahr 1953. In den sechziger Jahren galt Formentera als ein beliebtes Ziel für junge Amerikaner, die vor dem Kriegsdienst in Vietnam flüchteten. Kein Wunder, dass die Kultkneipe einst von General Francos Schergen misstrauisch beäugt wurde. Das anarchische und bunte Treiben der Blumenkinder war der Militärdiktatur ein Gräuel. Bis heute ist "Fonda Pepe" die In-Kneipe auf der Insel geblieben.
Balearische Klänge dringen ein paar Schritte weiter aus einem kleinen Gebäude. Ekki bietet in seiner Lehrwerkstatt "Formentera Guitars" Lehrgänge für den Bau eines eigenen Instruments an. Der gebürtige Darmstädter mit bürgerlichem Namen Ekkehard Hoffmann kam bereits 1989 nach Formentera. In jeweils dreiwöchigen Kursen leitet er Fans und Freaks dabei an, sich eine eigene, echt balearische Gitarre zu bauen. Dass dabei Live-Sessions, Strand und spontane Partys zum Programm gehören, versteht sich als Teil seines entspannten Lebenskonzeptes. "Am Ende tauchen die Kursteilnehmer ihre Gitarren ins salzige Mittelmeerwasser. Nach dieser Taufe entwickeln die Instrumente ihren ganz eigenen Klang", verrät Ekki sein Geheimnis. Das Ganze - einschließlich der benötigten Materialien für die Instrumente - ist bei ihm für 2.000 Euro zu haben.
Am besten lässt sich die Insel mit dem Fahrrad auf den gut ausgebauten "Grünen Wegen" erkunden. Dem entspannenden Radeln kommen die geringen Höhenunterschiede entgegen, der höchste Punkt liegt gerade mal 190 Meter über dem Meeresspiegel.
Im Sommer werden darüber hinaus Motorroller zur Ausleihe angeboten. Die 66 Kilometer lange, naturbelassene Küste ist auch von der Seeseite ideal im gemieteten Segelboot, einem Kajak oder auf dem Surfbrett zu erkunden. Taucher sind begeistert über eine Sichttiefe im glasklaren Mittelmeer von bis zu 50 Metern. Die Wassertemperatur steigt von 22 Grad im Frühjahr auf bis zu 30 Grad im Hochsommer.
Für die intakte Natur sprechen die riesigen Neptungrasfelder, die sich auf dem Meeresboden bis nach Ibiza ziehen und 1999 von der UNESCO zum Welterbe erklärt wurden. Die Naturschützer bezeichnen den Unterwasserurwald auch gern als größten Organismus der Erde. Früher nutzten die Einheimischen das Gras als Dünger, als Füllmaterial für Matratzen oder zum Decken ihrer Dächer. Heute ist selbst das Aufsammeln der Poseidonia am Strand untersagt. Das türkisfarbene Wasser des Mittelmeeres ist mithin jenen riesigen Beständen des Grases zu danken, welche sich über hunderttausend Jahre entwickelten.
So wirken auf Formentera selbst die urigen Strandbars an den Badestellen irgendwie naturnah. Am Wasser befinden sich kleine Holzbehausungen, unter denen die Fischer ihre Boote zu Wasser lassen. Der Besuch eines Fischrestaurants im Sonnenuntergang ist denn wohl die schönste Weise, den Tag auf Formentera ausklingen zu lassen.

www.formentera.es   •   www.spain.info/de


Wort und Bild: Uwe Schieferdecker


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