Leserreisen
Granada

Granada

Städtereisen (Teil 10)

Die Alhambra von Granada


Im November schwindet die Zahl der sonnigen Reiseziele in Europas Süden. Doch Andalusien zeigt sich auch im Spätherbst als vom Klima verwöhnt. Hier lockt eines der Traumziele der Welt überhaupt: Die großartige Alhambra von Granada.

Es war einmal, vor langer, langer Zeit. Da lebten in Andalusien Mauren, Juden und Christen friedlich miteinander. Sie bestellten die Felder, werkelten und handelten. Galt das Mittelalter in Europa gemeinhin als eine finstere Zeit, erscheint die Herrschaft der Kalifen dagegen geradezu märchenhaft.
Die hochentwickelte Kunst, das Handwerk und die Kultur strahlten europaweit aus. Die Kinder konnten damals zur Schule gehen, für die Bewohner gab es Krankenhäuser, die Straßen waren befestigt und das Wasser gelangte durch Trinkwasserleitungen in die Häuser.
In jener Ära entstand im heutigen Granada ein Palast, der inzwischen zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Welt gehört: Die Alhambra. Wie bei anderen regionalen Bezeichnungen weist der Anlaut "Al" auf den arabischen Ursprung hin. Mehr als zwei Jahrhunderte brauchten die Nasridensultane, um auf dem Hügel Sabikah zu Füßen der schneebedeckten Sierra Nevada diese wunderbar dekorierte Palastanlage zu schaffen.

Granada

Granada

Granada

Granada

Granada

Granada



Zu dieser Zeit waren die maurischen Herrscher nur noch Vasallen des christlichen Königreichs von Kastilien. Diesem Winkelzug der Geschichte mag es zu danken sein, dass die Alhambra überdauerte. Nach der Zerschlagung des Sultanats im Jahr 1492 begann die katholische Schreckensherrschaft der spanischen Monarchen Ferdinand und Isabella. Mit der Idylle war nun Schluss. Unter dem Schwert der Inquisition ließ Erzbischofs Jiménez de Cisneros in Granada arabische Bücher verbrennen, wurden die Juden vertrieben und die Mauren zwangschristianisiert.
Was Wunder, dass Dichter und Musiker seit dem Mittelalter und verstärkt in der Romantik jenes steingewordene Märchen aus Tausendundeiner Nacht zur Legende werden ließen? Bereits seit 1984 gehört die einmalige Anlage zum UNESCO-Welterbe. Heute gilt die Alhambra als einzige intakte königliche Stätte der Maurenepoche überhaupt.

Granada

Granada



Dieser Ruhm hat für den Besucher allerdings seinen Preis: Einfach so kommen und den Komplex von Festung, Nasridenpalast, Palacio de Carlos V. und Sommerpalast Generalife mit seinen Gärten besuchen? Das Ansinnen schlägt zu jeder Jahreszeit fehl. Unbedingt sollten vorab Tickets unter www.alhambra-patronato.es bestellt werden! Der Eintritt kostet 14 Euro. Wer nur die Gärten besichtigen möchte, muss dafür sieben Euro berappen. Die Wege von den Parkplätzen zur Alhambra ziehen sich in die Länge. Am bequemsten bringt uns ein Taxi vom Stadtzentrum zum Eingang.
Der älteste Teil der Alhambra ist die Festung, Alcazaba genannt. Die doppelte Wehrmauer mit ihren Türmen ist aus dem 13. Jahrhundert überkommen. Lohnend ist der Aufstieg auf den Torre de la Vela: Vom ehemaligen Glockenturm bietet sich ein atemberaubender Blick auf den Maurenpalast und ganz Granada. Nach Süden schließen sich die duftenden Gärten des Jardin de los Ardaves mit Ulmen und Zypressen an. Ein Juwel im Nasridenpalast ist zweifellos der Löwenhof. Zwölf Steinlöwen tragen den Springbrunnen und gaben dem Patio den Namen, um den sich die Gemächer der Frauen gruppierten. Am Rand des Löwenbrunnens befindet sich vieldeutig der Ausspruch des Dichters Ibn Zamrak: "Selig ist das Auge, das diesen Garten der Schönheit sieht."

Granada

Granada

Granada

Granada

Granada

Granada



Ein anderes Schmuckstück ist der Myrtenhof. Hier pflegte der Sultan seinerzeit Botschafter und wichtige Persönlichkeiten zu treffen. Vom Gesandtensaal mit seiner wunderbaren Intarsiendecke fällt der Blick durch die Bogengalerie auf das von Myrten gesäumte Wasserbecken. Bis heute gehört das Wasser neben dem berauschenden Dekor der Bauten und dem betörenden Duft der Pflanzenwelt zu den prägenden Elementen der historischen Anlage.
Granada aber ist mehr als nur die Alhambra. Der große Dichter Federico García Lorca wuchs hier auf. Zeitlebens fühlte er sich zu den feurigen Roma hingezogen und zehrte in seinem Werk vom Erlebten. In dem Sommerhaus Huerta de San Vincente, heute ein Museum, entstanden mit "Zigeunerromanzen" und "Bluthochzeit" bleibende literarische Denkmale für Granada. In die Blütezeit seines literarischen Erfolges fiel der faschistische Putsch vom Juli 1936. Vergebens sucht der 38jährige Dichter Zuflucht bei Freunden. Am 16. August wurde Lorca verhaftet, drei Tage später unweit von Granada erschossen und am Straßenrand verscharrt.

Granada

Granada

Granada

Granada

Granada

Granada



Noch aus der Ferne betört die Magie der Alhambra. Der ganze Zauber des Sultanpalastes entfaltet sich in der Dämmerung. So klicken im alten Maurenviertel Albaicín gegenüber der Palastanlage die Auslöser von Kameras und Smartphones im Sekundentakt. Hilfsbereitschaft sollte hier mit Vorsicht gepaart sein: Für ein Erinnerungsfoto lenkt eine Engländerin am Nachbartisch das Pärchen in die rechte Position. Flinke Hände nutzen die Unachtsamkeit für einen Griff in ihre Handtasche. Als die Frau den Verlust schließlich bemerkt, sind der Langfinger sowie das Pärchen von nebenan längst in dem verschlungenen Gassengewirr des Viertels verschwunden.
Dabei lohnt es sich durchaus, im lebendigen Albaicín auf Entdeckungstour zu gehen. Aus der Maurenzeit erhalten geblieben sind die Festungsmauer und mehrere Paläste, der Innenhof der Moschee gehört heute zur Erlöserkirche San Salvador. Farbenfrohe Bougainvilleen wuchern über die weißgetünchten Mauern. In den Innenhöfen befinden sich kleine Handwerkerateliers. Aus einem Lautsprecher quillt der Ohrwurm des Mexikaners Augustìn Lara: "Granada …"

www.granadatourist.com


Wort: Uwe Schieferdecker / Bild: Torsten Reineck



Granada

Granada

Granada

Granada

Granada

Granada