Leserreisen

El Hierro

Wallfahrt mit Marienbild


Früher Morgen in der Vulkanlandschaft der Dehesa. Kaum drei Stunden ist es her, seit die Sonne hinter dem Leuchtturm von Orchilla im Atlantik verschwunden ist. Die Insel El Hierro gilt als südwestlichster Punkt Europas und ist zugleich die kleinste und jüngste Insel der Kanaren. Irgendwo jenseits des Horizonts muss Amerika liegen. Doch hunderte Meter tiefer rollt die Brandung gegen die aufgetürmten Lavawände. Der Wind pfeift mir um die Ohren und für einen Moment wünschte ich mich weit weg von hier. Mehr und mehr füllt sich die karge Felsenfläche um eine kleine Kapelle mit Menschen. Aufgeregte Kinder, Männer und Frauen, angetan mit bestickten Kostümen und bändergeschmückten Mützen. Tausendfach vereinen sich Kastagnetten, Trommeln und Pfeifen zur immergleichen Melodie. Kalt ist mir. Die Quecksilbersäule steht gerade mal bei sechs Grad. Und das auf El Hierro, so nah am Äquator!?
Einmal in vier Jahren beginnt an der Einsiedelei im Westen der Insel die "Bajada de la Virgin de los Reyes". Rund 25.000 Menschen begleiten die Marienfigur auf ihrer Wallfahrt quer über El Hierro, bis diese gegen Mitternacht in der schmucken Festungskirche von Valverde ganz im Osten eintrifft. Das verehrte Bildnis der Jungfrau war im Dezember des Jahres 1545 in die Hände der Hirten der Dehesa gelangt - eingetauscht gegen Lebensmittel bei der Besatzung eines schiffsbrüchigen Seglers. Ein Menschenleben später versiegten im März 1614 alle Quellen auf der Insel. In ihrer schieren Verzweiflung wollten die Hirten das Bildnis der Jungfrau mit einer Bittprozession nach Valverde zu tragen. Die Obrigkeit aber widersetzte sich dem Anliegen. So geleiteten die Menschen das Marienbild im Schutze der Nacht quer über die Insel. Angekommen in Valverde, setzten heftige Regenschauer ein ...
Die Wasserknappheit der Insel wird heute durch eine Meerwasserentsalzungsanlage gelindert. Doch die Tradition der Bajada lebt fort. Zuletzt im Juli 2013, als das Zweieinhalbfache der Inselbevölkerung das Marienbild auf seinem 21 Kilometer langen Weg begleitete. Die Wallfahrt kann als Gegenteil des Münchner Oktoberfestes gelten: Es feiern Bewohner, Verwandte und Freunde miteinander. Touristen hingegen sind eine große Ausnahme. Auch die üblichen Fress- und Saufbuden bei Volksfesten fehlen hier. Dafür kennen die Menschen einander und grüßen sich entlang der Wegstrecke. In der Mittagsstunde lassen sich die Wallfahrer am Inselgipfel Pico Malpaso zum Picknick auf ihre bunten Wallfahrtsdecken nieder. Die Pasteten und Getränke zum Mahl brachten sie sich im Rucksack mit.
Welch bizarres Bild! Wo sonst eine Handvoll Wanderer am Tage die traumhaften Ausblicke genießt, herrscht nun ein buntes Gewimmel wie in der Großstadt. Tatsächlich bietet El Hierro grandiose Landschaften wie kaum eine andere der Kanareninseln. Es macht jedoch etwas mehr Mühe als anderswo, die bis zu eintausend Meter hoch über dem Meer hängenden Miradores zu erreichen. Allerdings muss ich die spektakulären Ausblicke niemals mit Busladungen schwäbischer Rentner oder schnatternden kamerabewehrten Touris aus Fernost teilen.

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Als Badeinsel kann El Hierro hingegen nicht gelten. Natürlich gibt es eine Reihe von Zugängen zum warmen Atlantik. Im südlichsten Ort Europas, La Restinga, bieten auch Tauchschulen ihre Dienste an. Neben Tintenfischen, Meeresschildkröten und Krebsen sind es vor allem submarine Vulkankrater unter dem Meeresspiegel, die den Reiz des Schnorchelns ausmachen. Doch an den meisten Küsten sind die Strömungen des Ozeans viel zu gefährlich, als dass ungetrübte Badefreuden locken würden. So bietet das Luxushotel Parador mit seinen Palmen unter der gewaltig aufragenden Felsenwand geradezu hawaiianisches Flair. Gebadet wird auch hier zumeist im Pool. Sehr aufregend und dabei ungefährlich ist das Bad in den künstlichen Meeresschwimmbecken, deren Umfassung nur die Wellenberge passieren lässt.
Zu den grandiosen Landschaften gehört die imposante Bucht des Valle del Golfo im Nordwesten der Insel. Die 1.200 Meter aufragenden Felswände waren ursprünglich Teil eines Vulkans. Vor rund 50.000 Jahren brach dieser in den Atlantik ab. Eine Naturkatastrophe der Vorzeit, deren Dimensionen schier unglaublich wirken: Eine mehr als einhundert Meter hohe (!) Tsunamiwelle muss damals gegen die Küste Nordamerikas geprallt sein und vernichtete dort alles Leben.
Heute wächst an den Hängen von El Golfo der beste Wein der Kanaren. Ein beliebtes Fotomotiv ist der Turm der Kirche von Frontera, errichtet fernab vom Kirchenschiff auf einem Lavahügel. An der Küste von El Golfo empfängt das laut Guinness-Buch der Rekorde kleinste Hotel der Welt seine Gäste. Die vier Zimmer auf der Felsenklippe im Atlantik mögen inzwischen etwas angestaubt sein, der Ausblick kann hingegen in alle Richtungen berauschen. Nahebei erinnert das Museumsdorf Guinea daran, dass die Bewohner von El Hierro beim Eintreffen der spanischen Kolonisatoren noch in der Steinzeit lebten. Der Kulturschock muss außerordentlich gewesen sein: Krieg kannten die Insulaner bis dahin nicht. Die neuen Herren meuchelten ihre Stammeshäuptlinge, wohl um die Ureinwohner in der Zivilisation zu begrüßen.
Ein bekannter Künstler aus Lanzarote hinterließ auf El Hierro seine Spuren: 1988 gestaltete Cesár Manrique hoch über dem Tal von El Golfo in der ihm eigenen Weise ein Restaurant. Zu der guten Küche - Inselspezialität sind neben Zicklein, Lammbraten und Kaninchen vor allem Fischgerichte - ist der Ausblick grandios. Es muss nicht betont werden, dass vom 600 Meter hohen Mirador de la Peña atemberaubende Sonnenuntergänge einfach zum Dinner dazu gehören.

www.elhierro.es •  www.spain.info/de


Wort und Bild: Uwe Schieferdecker


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