Buenos Aires

Tango in der Nacht


In dem leicht verblichenen Ballsaal im Stadtteil Boca empfängt der 80jährige Maestro Alberto zur Milonga. Irgendwo hier im Süden von Buenos Aires, in einer Hafenspelunke wohl, war der Tango um 1860 entstanden. Getanzt wurde er anfangs nur zwischen Männern. Eine einfache Harmonika gab ihm den gefühlsschweren Klang: Das Bandonéon. Eine staunende Schar von Touristen aus Japan, Südafrika und Holland erfährt aus dem Munde des Maestros, dass das Instrument seinen Weg aus dem fernen Carlsfeld zum Rio de la Plata gefunden hatte. Keiner von ihnen hatte bis dahin je etwas von dem kleinen Ort im oberen Erzgebirge gehört.
"Ein Tanz der Verbrecher", wetterte um 1900 die bessere Gesellschaft. Noch vor dem Ersten Weltkrieg schaffte es der Tango in die Pariser Salons und verbreitete sich alsbald unter den Lebedamen. Von der französischen Hauptstadt aus trat er in den Zwanzigern seinen Siegeszug um die Welt an. Getanzt wird er heute überall in der argentinischen Metropole, auf den Boulevards des Künstlerquartier von San Telmo ebenso wie im schicken Palermo oder im Zentrum Microcentro selbst. Längst gehören Tangoabende zum Muss eines Besuchs dieser stil- und stimmungsvollen Hauptstadt.
Doch neben dem Tango verbinden sich uns mit Buenos Aires weit mehr Assoziationen als mit jedem anderen Ort in Lateinamerika: Der spätere Revolutionär Ernesto Che Guevara studierte hier am Rio de la Plata Medizin, Evita Perón setzte sich für Arme und Frauenrechte ein, Diego Maradona begeisterte seinerzeit die Fußballwelt wie heute das aus der Pampa um Buenos Aires stammende Rindfleisch die Steakliebhaber. Die Porteños, wie die Bewohner der argentinischen Hauptstadt genannt werden, verweisen gerne auf die Avenida 9 de Julio als breiteste Straße der Welt. Mondäne Fassaden und vergoldete Straßenlaternen im Stadtteil Recoleta atmen Pariser Glanz.



Leider erinnert der Müllsammler an der Straßenecke an die tiefe Krise, in der sich das Land streng genommen seit neunzig Jahren befindet. Die Scheiben des "Harrods" in der Einkaufsstraße Calle Florida sind blind, denn der Ableger des Londoner Luxuskaufhauses hat seit 1998 geschlossen. Immerhin hat die Fußgängerzone ihren Charme behalten: Zahllose Geschäfte, Straßenhändler und Musiker sowie prachtvolle Einkaufstempel mit den Galeriás Pacifico als Flaggschiff künden davon. Ziemlich in der Mitte liegt die Kreuzung mit der Avenida Corrientes. Das Amüsierviertel wartet mit dem Teatro San Martin und mehreren Musical-Theatern auf. Nicht zufällig wurde hier so manche Szenen des Films "Evita" mit Popstar Madonna in der Hauptrolle gedreht. Allerdings ist auf den Straßen der City große Vorsicht vor Langfingern geboten.
In Buenos Aires verkehrte die erste U-Bahn der Südhalbkugel überhaupt. Die Bahnhöfe der Subte zwischen der Plaza de Mayo und der Plaza Miserere wie auch die Züge der Linie A selbst erinnern noch unmittelbar an deren Eröffnung im Jahr 1913. Seit dem Zweiten Weltkrieg stocken Unterhaltung und Ausbau des Metro-Netzes.
Er ist im armen Stadtteil Boca allgegenwärtig: Von Postern, Wandbildern oder als Double strahlt uns Argentiniens Fußballlegende Diego Maradona entgegen. Das berühmte Stadion La Bombonera - die Pralinenschachtel - ragt hoch über die bunt angemalten Wellblechfassaden des Hafenviertels hinaus. Wenn die CA Boca Juniors aufspielen, dröhnt der ganze Stadtteil unter dem Sprechgesang seiner Anhänger. Als Erzrivale vor Ort gilt der CA River Plate, dessen Anhänger eher im bürgerlichen Milieu zu suchen sind. Stadtderbys heißen hier Superclásico, bei denen es häufig zu Ausschreitungen kommt. Buenos Aires kann gut als Welthauptstadt des Fußballs gelten - allein 14 Fußballstadien zählen mehr als 30.000 Zuschauerplätze! Wen es live in eines der Stadien zieht, dem sind aus Sicherheitsgründen Karten für einen Sitzplatz anzuraten.



Doch Buenos Aires kann auch heute modern und glanzvoll sein: Eine strahlend weiße Fußgängerbrücke des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava führt über die alten Hafenbecken des Puerto Madero in das seit 1989 revitalisierte Stadtviertel. Die Appartements in den Wolkenkratzern gehören zu den teuersten in der Hauptstadt. Cafés und Bars säumen die sanierten Hafenbecken. Wer das nötige Kleingeld hat, der kann hier unter Palmen chillen. Übrigens stammen manche der historischen Kräne an den Hafenbecken als VEB-Produkte aus dem brandenburgischen Eberswalde. Das private Museum Fortabat am Dock 4 präsentiert in einer privaten Kunstsammlung u.a. Werke von Andy Warhol, Salvador Dalí sowie bekannter argentinischer Künstler.
Spätestens seit dem Musical und nach ihm gedrehten Film "Evita" hat sich der Mythos der einstigen argentinischen Präsidentengattin Perón weltweit verbreitet. Tag für Tag pilgern Schaulustige zum Friedhof im Edelvorort Recoleta. Hier wurde 1952 die gerade mal 33jährige einstige Radiomoderatorin begraben. Das Museo Evita befindet sich im benachbarten Szene-Stadtteil Palermo Chico. Perón selbst hatte die Villa 1948 kaufen lassen und brachte dort - zum nicht geringen Missfallen der reichen Nachbarn - alleinstehende Mütter unter. "Don't cry for me, Argentina" schmachtete Madonna in Erinnerung an Evita Perón. Die Argentinier tun es nicht, die Touristen sehen sich in dem Museum weitgehend unter sich.
Buenos Aires präsentiert sich dem Besucher als eine durchaus widersprüchliche Metropole. Als solche gehört sie jedoch zweifellos zu den schönsten in der Welt. Nach einem "sauberen" Staatsbankrott im Jahr 2002 strotzt Argentiniens Hauptstadt wieder vor Selbstbewusstsein. Ein Charakterzug, der den Porteños seit jeher eigen ist.

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Wort und Bild: Uwe Schieferdecker