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Kudernatschs Kolumne

Kudernatschs Kolumne

Kudernatschs Kolumne

Tannenbaum im Kofferraum


Mein Vater hat mir schönen Quatsch beigebracht. Zu Weihnachten sagt er bis heute gern dieses Gedicht auf: "Der Weihnachtsbaum ist öd und leer / Die Kinder schauen blöd umher / Da lässt der Vater einen krachen / Die Kinder fangen an zu lachen / So kann man auch mit kleinen Sachen / Den Kleinen eine Freude machen."
Er musste es nicht erst krachen lassen, ich freute mich immer schon ausgiebig über das Gedicht. Vielleicht wollte ich es auch unbewusst nicht darauf anlegen, ob mir das Krachen tatsächlich zusagen würde. Denn wie es in den Reimen schon hieß: Der Weihnachtsbaum war öd und leer - was, wenn er genau durch das viele Krachenlassen so schrecklich genadelt hatte?! Sämtliche Testreihen dazu lehne ich bis heute ab. Gerade bei Bäumen mit echten Kerzen könnte es zu Verpuffungen kommen.
Mein Vater ist ein sehr aufmerksamer Mann. Kaum hatte er gemerkt, dass ich die reale Existenz des Weihnachtsmanns anzweifelte, weil alle im Kindergarten das Gegenteil behaupteten, stiftete er mich an, dem Knecht Ruprecht zu Heilig-abend folgenden Vers entgegenzuschmettern: "Lieber, guter Weihnachtsmann / Ich weiß ja, wer du bist / Heute spielst du Weihnachtsmann / Und morgen fährst du Mist!"
Wir übten die vier Zeilen immer wieder, bis der Weihnachtsmann dann kam, nachmittags am 24.12.. Aber dann traute ich mich nicht, obwohl ich ahnte, dass Siggi Lehmann in dem Kostüm steckte, der täglich mit seinem Traktor durch das Dorf tuckerte, die verschiedensten Fuhren hinten angehängt. Seine Weihnachtsmann-Maske war zu gruselig - da sagt man so etwas nicht, sonst wird man in den Sack gesteckt. Und gerade Siggi Lehmann mit seinen Treckerfuhren konnte einen sonst wohin verschwinden lassen … Da stotterte ich dem Weihnachtsmann lieber das übliche Verslein vor, das mit dem Böseanschauen und Ruteeinstecken und Artigsein. Mein Vater gab nicht auf und präsentierte den nächsten umgedichteten Spruch: "Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, der Lehrer hat dich blau gehau'n!" Dieser Reim ging damals um und war pädagogisch überhaupt nicht wertvoll. Er musste aus einer Zeit stammen, als es noch die Prügelstrafe gab. Aber selbst wenn damals ein Lehrer zum Schläger geworden war - warum sollte er sich ausgerechnet an Fichten und Tannen austoben und im Wald auf sie eindreschen? Und außerdem: Auch wenn man noch so sehr auf sie einschlug, bekamen sie garantiert keine blauen Flecke davon.
Mir erscheint die Neuauflage dieses Sprüchleins viel stimmiger und zeitgemäß. Nachbarsjunge Paul hat sie mir neulich freudestrahlend vom Balkon heruntergekräht: "Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum - die Oma liegt im Kofferraum!" Da ist was dran! Nach der Geschenkeübergabe geht's heim. Oma hat geliefert und wird nun nicht länger gebraucht. Puh, ist das böse! Meinem Vater sage ich aber nichts davon. Das bringt ihn nur auf Ideen, so wie er meine Mutter manchmal anschaut … Ich meine natürlich "liebevoll" und eher so, dass er dieses Lied dann für immer und ewig aus dem Haus verbannen würde. Weil niemand daran erinnert werden soll, dass zum Fest der Liebe rein theoretisch irgendwo irgendjemand in Verbindung mit einem Tannenbaum im Kofferraum liegen könnte. Manches Gedicht sollte man besser nicht interpretieren und einfach nur ein Gedicht sein lassen. Schade, dass mir das keiner eher gesagt hat.


Auweia, Weihnachten! - Kudernatsch liest ziemlich nikolausige Geschichten:

06.12. Erfurt, Backstube (Kreuzgasse 2)


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC