Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Versorgungslücke


Der leider im August verstorbene ehemalige Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen, Martin Roth, sagte einmal sinngemäß: Die Summe vieler durchschnittlicher Ergebnisse ist Hannover. Er meinte, man sollte Mut zur Qualität und Originalität haben und auch Neues wagen. Nun kann man Hannover keinen großen Vorwurf machen, da es kaum negative Vorbilder hatte. Aber er warnte uns Dresdner davor, die Fehler Hannovers zu wiederholen und meinte, das hat in erster Linie etwas mit Anspruchsdenken zu tun. Nehmen wir die Eröffnung zweier bedeutender deutscher Konzertsäle in diesem Jahr, den der Elbphilharmonie in Hamburg und des Kulturpalastes in Dresden. Die eine verbindet man mit Pomp, einem großen Klassikkonzert vor Staatsgästen und Gästen aus aller Welt. Die andere mit einem Roland-Kaiser-Konzert. Ich möchte Roland Kaiser nicht Unrecht tun, aber die nahezu götzenhafte Verehrung in den hiesigen Medien sollte ihm mittlerweile selbst peinlich sein. Manchmal frage ich mich, warum er 2005 die Frauenkirche nicht einweihen durfte. Bei der Stadion-eröffnung war er natürlich dabei und auch da stieß mir auf, wie man diesen durchaus gelungenen Funktionsbau, den es auf der Welt allerdings mehr als nur einmal so ähnlich und größer und besser gibt, so in den architektonischen Himmel gelobt hat. Das zeigt doch nur, wie die Lobenden ticken. Entweder sind sie generell genügsam oder sie haben die Stadtgrenzen so selten überschritten, dass sie Dresden wirklich für den Krösus halten. Übrigens braucht der Krösus bald ein größeres Stadion. So oder ähnlich zieht sich das Durchschnittsdenken durch den Dresdner Alltag. Nehmen wir einen Artikel über das Einkaufszentrum, welches an der Stelle des ehemaligen Kaufhauses Günther in Zschachwitz entsteht. Laut Artikel nennen es die Anwohner "Zschachwitzer Ei", weil es von oben so aussieht. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass der Zschachwitzer regelmäßig drüberfliegt. Ehrlich gesagt, wusste ich bisher nicht, dass irgendwer das Ding "Ei" nennt, aber vielleicht wohne ich nur zu nah dran. Auch las ich, dass dieses Ei eine große Lücke in der Nahversorgung schließen wird. Immerhin sollte jeder Mensch die Möglichkeit haben, sich in seinem Umfeld mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen. Und da immer mehr kleine Läden schließen, kann man sich froh schätzen, dass nun endlich dieses Stadtteil-Nahversorgungs-Rettungszentrum entsteht. Las ich und dachte: Genau! Wie oft stehe ich vor der verzweifelten Frage, welchen der vier Bäcker in der Nähe ich besuchen soll? Und wie oft wünschte ich mir einen fünften? Nun kommt er, als Filiale einer Backwarenkette, die man getrost als preiswert bezeichnen kann. Und nicht nur das. Auch das Sortiment des vorhandenen und direkt anliegenden Groschenmarktes wird bald um die Produktpalette des Haushaltwarenhändlers Mäc Geiz bereichert. Und wenn man bedenkt, wie groß die Versorgungslücke bei nur einem Aldi, einem Lidl, zwei Netto, einem Hunde-Netto und einem Konsum im Umkreis von einem Kilometer ist ... Wir können froh sein, dass Rewe endlich eine Filiale eröffnet. Okay, es gibt schon zwei Rewe-Filialen im erwähnten Kilometer, aber genau dort war noch keine. Bliebe die Frage, was man zur Eröffnung bieten könnte und ich hoffe nicht, dass sie Roland Kaiser holen. Denn wenn das Einkaufszentrum wird, wie es wird, sollte man konsequent sein und ein Roland-Kaiser-Double engagieren. Playback! Passend zum Center-Konzept. Einen Namensvorschlag habe ich übrigens auch: "Kleines Hannover-Center".
Danke im Voraus! Ciao, Euer Mario


Thiels Treffen:

30.11. Putjatinhaus, Gast: Tom Quaas


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade