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Johann Janus' Kolumne

Der schrecklichste Tag


Es ist der schrecklichste Tag in meinem Leben. Ganz knapp schlägt er jenen Tag, an dem ich mir zwei Gliedmaßen gebrochen habe und meine damalige Freundin mit mir Schluss machte. Heute ist schlimmer. Heute ist der Tag, an dem mein notdürftig geflicktes Laptop-Ladekabel, dessen Bruchstelle am Gummi mit der äußerst stabilen Feder eines Kugelschreibers neu ummantelt wurde, endgültig den Geist aufgegeben hat. Das merkt man natürlich nicht sofort; ich gucke ja nicht ständig auf das Batteriesymbol oder die rote Leuchtdiode. Nein, man surft weiter auf Facebook und guckt die neueste Netflix-Serie, dann beantwortet man ein paar Mails und überlegt sich, ob man das "No Mans Sky"-Spiel von letztem Sommer nochmal starten sollte. Und dann geht plötzlich der Bildschirm aus. Verzweifelt rüttle ich am Ladekabel, sicher nur ein Wackelkontakt, wenn ich es umgekehrt anschließe, geht es vielleicht noch.
Eine Stunde später gebe ich auf. Es ist Sonntag, die Geschäfte haben zu, ohnehin wird wohl kein Elektrohändler noch das Ladekabel eines fast zehn Jahre alten Macbooks haben. In der Zwischenzeit gab es schon mehr neue Varianten als Microsoft-Sicherheits-Updates. Normalerweise würde ich jetzt online nachschauen, wo ich einen Ersatz bestellen kann. Expressversand und morgen wäre das Problem gelöst. Aber mein Laptop ist ja aus, und mein Handy hadert gerade mit dem neuesten Android-Update, also eigentlich mit seinem Leben. Resigniert stelle ich das nutzlose Ding auf den Schreibtisch und gehe aus der Wohnung. Unter den Umständen kann ich ja auch an den Hufeisensee fahren.
Erstaunlicherweise ist heute dieser eine Tag Sommer, der sich gelegentlich zwischen tornadobegleiteten Unwettern und klimaanlagenzerstörende Hitze quetscht. Das Seewasser ist kalt, aber nicht zu kalt. Am Ufer sind nicht wenige Menschen, aber alle führen entweder gemäßigte, intelligente Gespräche oder sehen gut aus oder beides. Auf dem kleinen Schotterparkplatz steht einer dieser Eismannwagen, die grundsätzlich nur von mittelalten Männern mit Schnauzbart betrieben werden und nie mehr als sechs Sorten Eis haben (eins davon mit Schlumpfgeschmack). "Hab noch einen schönen Tag!", wünscht der schnauzbärtige Verkäufer mir winkend. "Naja, heute ist der schrecklichste Tag in meinem Leben", erwidere ich und erzähle ihm von meinem Laptopkabel. "Wie fürchterlich!", bemitleidet er mich und gibt mir zum Trost eine Extra-Kugel Schlumpfeis.
Am See drehe ich ein paar Runden und lege mich dann stundenlang nichtstuend auf die Wiese, betrachte das Wasser und lasse mich von grillenden Nachbarn auf ein Bier einladen. "Kann ich gut gebrauchen, hab heute den furchtbarsten Tag meines Lebens", bedanke ich mich und ploppe das gut gekühlte, tschechische Schwarzbier auf. Als der Tag vorbei ist, habe ich nahezu nichts getan, außer am See zu liegen. Meine zu erledigende Arbeit liegt verschlossen im schweigenden Computer und vermutlich wird sie das auch noch eine Weile tun. Vielleicht hat morgen ja der Elektrofachmarkt einen massiven Krankheitsausfall und die Server von Amazon sind down. Vielleicht hat gerade niemand gebrauchte Ladekabel auf Ebay gestellt, weil sie ihm selbst kaputtgegangen sind, und vielleicht habe ich dann wirklich keine andere Wahl, als bedauernd meinen Laptop zuzuklappen und einen weiteren ganz grauenhaften Tag zu haben. Mit Schlumpfeis und tschechischem Schwarzbier.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner