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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Gar nicht mal so schön


Seit vielen Jahren gibt es eine Fernsehsendung, die Deutsche beim Auswandern begleitet. Manchmal erwarte ich, morgens aufzuwachen und alle sind weg. Warum die weg wollen? Deutschland ist zu kalt, also das Wetter. Deutschland besteht nur aus Arbeit und der Scheiß-Bürokratie. Woanders ist es schöner. Man will das Leben genießen. Die Leute sind viel freundlicher. Woanders. Dummerweise stellen alle Ausgewanderten relativ schnell fest, dass man woanders mindestens genau so viel arbeiten muss, vielleicht sogar noch mehr, das schöne Wetter und der Strand nichts nützen, wenn man ständig arbeitet. Und die Bürokratie und wie lange das dauert, falls überhaupt etwas passiert ...
Verlass ist sowieso auf niemanden, gut, dass es noch andere Deutsche in der Nähe gibt. Einer hat mal festgestellt, dass es auf Martinique keine sozialen Netze gibt. Nicht so wie in Deutschland! Ich finde, wenn man für diese Erkenntnis erst in die Karibik fliegen und in existenzielle Not geraten muss, dann war man nicht auf dem Laufenden. Überhaupt fällt auf, dass die Weggerissenen ständig Deutschland als Gradmesser nehmen, betonen, wie geordnet das hier läuft, um dann anzumerken, das man nicht zurück will. Allerdings bin ich bei einigen Protagonisten ganz froh, dass sie weg sind, denn Fremdschämen ist bei den meisten Geschichten meine einzige emotionale Regung. Wenn die Einheimischen diese Ausreißer stellvertretend für die Deutschen sehen, dann könnte es sein, nicht nur Trump fällt bald als Freund weg. Ich meine, für welche deutschen Tugenden steht denn Mallorca-Jens? Bildung, Fleiß, Pünktlichkeit oder Ordnung? Schaffe, schaffe, Scheiße baue? Natürlich gibt es ein paar Leute, die sich ganz cool anstellen, einen Plan haben und sogar wissen, wohin sie ausgerissen sind. Aber überwiegend …
Wer viel reist, weiß, dass man diese Nappsülzen nicht lange suchen muss, diese Schnitzelbesteller im asiatischen Hinterland. Aktuell sind zwei neue Globetrottel am Start, aus der brandenburgischen Provinz, die mich ob ihrer schlichten Unbedarftheit erheitern. Sie 32, er 34 und völlig ausgebrannt von der Arbeit, was man ihren Wohlstandsringen und seinem Bäuchlein aber nicht gleich ansieht. Sie hatten sich im Urlaub auf Curaçao (Durchschnittstypen halt) so in die Insel verliebt, dass sie dort mit ihren zwei Hunden (nicht etwa Kinder) leben und als Reiseführer den deutschen Touristen die Insel zeigen wollen. Darauf kam vor ihnen noch gar keiner! Dumm nur, dass sie die Insel kaum kennen, selten Deutsche auftauchen und sie dafür kein Wort Niederländisch oder Papiamentu sprechen. Okay, Englisch geht auch. Das können sie sogar, wie sie auf der Suche nach deutschen Touristen zeigen: "Do you speak German?" Ich hätte erwartet, dass einer mit "Yes!" antwortet und die hätten dem auf Englisch erklärt, dass man aus Deutschland sei und so. Da waren dummerweise aber nur Niederländer. Jedenfalls kamen sie auf Curaçao an, hatten Zimmer für die ersten Tage gebucht und mussten ab jetzt eigentlich nur eine Wohnung finden, ihr Business starten, darum ein Büro eröffnen, dafür einen Raum finden, die Insel kennenlernen, Kunden werben und herausfinden, ob man als Ausländer überhaupt ein Geschäft aufmachen darf. Darf man nicht! Schade.
Aber, was ich eigentlich sagen will, ist, wie verblüfft ich bin, wenn ich sehe, welche Entbehrungen manche auf sich nehmen, wie hart die arbeiten können, weil müssen, und welche Widrigkeiten sie wegstecken. Wehe, man hätte ihnen das annähernd in Deutschland abverlangt. Die wären ausgereist!
Ratlos, aber er grüßt, ciao, Euer Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade