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Johann Janus' Kolumne

Apfelsaft und Gefieder


"Treffen wir uns auf einen Apfelsaft?", schreibt Janna in der WhatsApp-Gruppe, die sonst in unzusammenhängenden Posts über lustige Menschen in der Bahn, Fotos aus dem Bürofenster oder allgemeinen Unmutsbekundungen versinkt. Beinah hätte ich es übersehen, zwischen weisen Analysen über die französische Wahl und abfotografierten Playboy-Bildern. Noch bevor jemand ihren Aufruf kommentieren kann, erklärt sie die Abwandlung von "auf ein Bier treffen", was nie einer Erklärung bedarf: "Detox-Monat". Ich drücke meine halb aufgerauchte Kippe aus, um die Finger frei zu haben, und antworte "Gerne, Apfelsaft."
Eigentlich bin ich viel zu müde für soziale Interaktion. Die Haschbrownies heute Nachmittag haben mich eher hängemattentauglich gemacht. Aber Torben sagt immer, spontane Verabredungen sollte man nie sausen lassen und ich solle mal sozialer sein, also hole ich mir einen Becher MDMA-Bowle von der Nachbar-WG. "Die ist ganz harmlos", sagen sie, während sie gruppenkuschelnd durch die Küche tanzen, "wir haben sie extra weich gemixt." Ich finde das sehr überzeugend, lasse mir einen Becher geben und finde, ich bin jetzt bereit für soziale Interaktion und stolpere quer über den Marktplatz in Jannas aufgeräumte, fein sortierte Wohnung. Jedes Objekt hat seinen Platz. Wahrscheinlich hat sie auch ihre Steuererklärung schon gemacht, ohne Steuerberater versteht sich und absolut fehlerfrei. Ich beneide sie ein bisschen, wenn ich an mein Chaos zu Hause denke.
"Die letzte Woche war einfach ganz schön anstrengend", erzählt Janna, "deswegen will ich gerade ein bisschen detoxen." In ihrem Fall heißt das: Noch gesündere Dinge essen, kein Bier, viel frische Luft. Ich weiß nicht, wovon sie sich detoxen will, aber bin mir ziemlich sicher, dass es funktionieren wird. Was denn so anstrengend war, frage ich, weil sie eigentlich gar nicht aussieht, als würde irgendetwas sie anstrengen. Sie habe letztes Wochenende im Alleingang die Premiere des von ihr produzierten Films organisiert, über hundert Gäste, Sektempfang und Aftershowparty. "Schweres Gefieder", sagt sie, meint aber nicht die Anstrengungen der letzten Woche, sondern den Titel des Films. Sie seufzt erschöpft, "war schön, aber auch ganz schön aufreibend." Was man ebenso alles beachten muss bei einer Großveranstaltung. Ich nicke. Ich habe letzte Woche drei Zeilen meiner Kolumne geschrieben und dann ein Hippiewochenende mit Freunden im Wald verbracht. Es gab viele Joints und bunte alkoholische Mischungen, und dann habe ich den Sonntag durchgeschlafen, und eigentlich den Montag auch noch (nur hinter einem Computerbildschirm). Ich versinke in ihrer Couch und frage mich, wie sie das hinbekommt: Alles auf die Reihe kriegen, nichts zu vergessen, nebenbei noch ihre Wohnung aufzuräumen. Vielleicht sollte ich auch mal detoxen.
"Kann ich einen Apfelsaft haben?", frage ich, weil mein Mund von der MDMA-Bowle so trocken ist wie nach zwei Tagen Wüstenwanderung. Janna guckt leicht erschrocken. "Oh", stellt sie dann fest, "ich glaub, ich hab vergessen, welchen zu kaufen. Ist in dem ganzen Stress genauso untergegangen wie meine Steuererklärung, die schiebe ich schon seit Monaten vor mir her."
Wir gucken uns Schweres Gefieder an und trinken Tee, und ich fühle mich ein kleines bisschen weniger schlecht. Ihr Film ist trotzdem besser als mein letztes Wochenende.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner