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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Die Zeiten ändern sich


"Dumm stellen kann sich auch der Gescheite, andersrum wird es schwieriger." Das las ich in einem Artikel des Politikberaters Frank Stauss zum Thema Populismus. Ebenso wie die Erkenntnis: "Bildung als Vorwurf ist elementar für eine populistische Bewegung, ergänzt mit der Heroisierung mangelnder Bildung." Was für eine Formulierung! Ja, die Zeiten ändern sich. War es früher peinlich, als dumm zu gelten, tragen heute immer mehr Menschen ihre Dummheit wie ein Aushängeschild vor sich her. Manche präsentieren sie wie einen Schulabschluss oder akademischen Titel. Dazu kommt oft die Überzeugung, dass man unfehlbar ist, was bedeutet, die Anderen sind ganz schön blöde. Es gilt die Formel: Je dümmer, umso mehr glaubt man, es nicht zu sein. Allerdings ist das auch eine Art Selbstschutz, denn wenn die ihre eigene Dummheit begreifen würden ... Die begännen, sich selbst zu ignorieren! Prinzipiell wäre das alles nicht schlimm, wenn diese Bildungsfernen isoliert in kleinen Gruppen ausschließlich unter sich blieben. Okay, eigentlich tun sie das in ihren Sich-gegenseitig-recht-geben-Runden. Dumm nur, dass sie dort auf ihresgleichen treffen und mit ihrem Horizontmangel akzeptiert werden, schlimmer noch, sich gegenseitig bestätigen, wie schlau sie sind und darum glauben, sie sind es wirklich. Die ahnen gar nicht, wie sehr Dummheit auffällt, wenn Bildungsnähere den Raum betreten. Merken sie aber nicht, weil ihre Dummheit ihnen ja sagt, was richtig ist und dass der Andere ganz schön dumm sein muss, wenn der etwas Anderes denkt. Das ist ein Teufelskreis!
Gefährlich wird es allerdings, wenn diese Selbsternannten glauben, bestimmen zu dürfen, wobei es kaum eine Rolle spielt, was. Es ist ja nicht so, dass sie keine Meinung haben sollen oder dürfen. Selbstverständlich dürfen sie die haben! Nur neigen sie oft dazu, genau das den Anderen abzusprechen. Sie legen fest, was laut oder leise ist, was schön, was Kunst oder Genuss. Und wenn sie etwas scheiße finden, suchen sie nach Gleichgesinnten und ab dem zweiten dieser Art ist klar, dass man in der Mehrzahl ist. Quasi das Volk. Das wäre noch kein Problem, wenn man mit ihnen über all das reden könnte, aber genau das wollen sie nicht, weil sie ja im Recht sind. Wozu dann noch diskutieren? Und dort beginnt für mich die eigentliche Gefahr. Bis dahin könnte man von unwissend, unbedarft oder naiv sprechen. Aber in dem Moment, wo man das Erweitern des eigenen Horizontes durch Diskussion, Zuhören oder konstruktives Streiten verweigert, beginnt die geistige Stagnation.
Wie ich auf das Thema komme? Ich besuchte neulich ein Theater und in der Reihe hinter uns kam eine kleine Gruppe Erwachsener zum Sitzen. Also nicht gleich, denn: "Wir haben Platz 20 bis 25!", erklärte eine Dame. Darauf ein Herr leicht mürrisch: "Mir sin aber sechse!" Okay, dachte ich, wenn man es überschlägt, kommt man relativ schnell drauf. Und nochmal der Herr: "Das is dor Mist! Mir sin sechse!" Ein Merkmal ist das ständige Wiederholen des Eruierten und ab einem gewissen Alter kommt das Anderen-nicht-zuhören dazu, weshalb die Dialoge immer nur mehrere Monologe zugleich sind. "Wie solln das gehen? 20 bis 25 ...?" Jedenfalls saßen bald alle sechse, und es hätte auch dem Mathegenie auffallen müssen, dass es problemlos aufging. Aber das bedeutet ja nicht, dass er sich geirrt hatte. Darum fasste er noch mal seine Erkenntnisse für alle zusammen: "S iss schon ä bissel chaotisch hier. Das hamse ni so im Griff mit die Karten ..." Genau!
Ciao, Euer Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort und Bild: Mario Thiel