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Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Einfach nur peinlich


Liebe Freunde,
das Meiste von dem, was ich sage, denke oder tue, ist mir im Nachhinein einfach nur peinlich. Kaum ist es ausgesprochen, gedacht oder getan, geniere ich mich furchtbar dafür. Wie kann ich so etwas Peinliches nur sagen, denken oder tun, schießt es mir augenblicklich durch den Kopf. Kein Mensch besitzt einen größeren Peinlichkeitsfaktor als du, sage ich zu mir, egal was du auch machst, immer trittst du damit ins Fettnäpfchen, immer ist es peinlich. Und das entspricht absolut den Tatsachen. Mir ist es zum Beispiel total peinlich, dass ich immer, wenn ich über Polen sprechen will, und dabei an Rumänien denke, "Polien" sage. Das gilt übrigens auch für Schweden. Wenn ich etwas zu Schweden sagen will und dabei an Bulgarien denke, sage ich immer "Schwedien". Oder Belgien. Ich frage mich, ob Belgien wirklich Belgien heißt, oder ob ich, bevor ich "Belgien" gesagt habe, eventuell an Indien gedacht habe. Deswegen ist es mir immer furchtbar peinlich, überhaupt mit Belgien anzufangen. Mit Italien habe ich dasselbe Problem. Oder mit Spanien. Mit Holland passiert mir das nicht. Aber peinlich ist es mir trotzdem, "Holland" zu sagen, weil es mir mittlerweile generell peinlich ist, die Namen irgendwelcher Länder zu nennen. Ich habe schon überlegt, ob ich, anstatt die Namen der Länder zu nennen, besser ihre Nationalhymnen anstimmen sollte. Aber ich habe den Gedanken sofort wieder verworfen. Weil es total peinlich ist, lieber die Nationalhymnen zu singen, als die Namen der Länder auszusprechen.
Mir ist es auch extrem peinlich, wenn ich zu Michaela immer Michael sage, selbst wenn ich das Gefühl habe, sie hört es ganz gern, besonders dann, wenn sie vom Krafttraining kommt. Dasselbe gilt für Gerd, den ich nie anders als Gerda nenne, wegen seiner weißen Handtasche. Was mir peinlich ist, ihm wiederum überhaupt nicht. Weil ihm die Handtasche so gut gefällt. Aber das nur nebenbei. Mir ist es auch extrem peinlich, wenn ich mich im Spiegel ansehe und dabei meiner enorm großen Ohren gewahr werde. So große Ohren sind doch nicht normal, denke ich dann. So große Ohren sind ja für einen Kopf mit zwei Metern Durchmesser gedacht, aber nicht für jemanden wie mich, der einen völlig normalen Kopf besitzt. Was für eine schreckliche Laune der Natur, jemanden mit dermaßen großen Ohren auszustatten. Ohren mit einem solchen Umfang werden zuallererst von einem selbst und dann auch von jedem anderen als peinlich wahrgenommen. Weil es nicht der Norm entspricht. Genormte Ohren sind kleiner. Das weiß man und empfindet die großen, von der Norm abweichenden Ohren als peinlich.
Ungemein peinlich ist es mir auch, wenn ich irgendwo herumsitze und meinen Blick über den Boden kriechen lasse. Wie ein Irrer, denke ich dann, nur Irre lassen ihren Blick so über den Boden kriechen wie du. Aber obwohl ich es vor Peinlichkeit kaum aushalte, lasse ich meinen Blick weiter über den Boden kriechen. Zuerst über die Fußspitze meines rechten Beines, das ich über das linke geschlagen habe, und dann weiter über den polierten, von unzähligen Abdrücken der Profile staubiger Schuhsohlen bedeckten, grünen Boden. Je näher mein Blick der gegenüberliegenden Wand kommt, desto höher hebe ich den Kopf. Dann lasse ich ihn eine Zeit lang über die Kehrleiste streifen und beginne von Neuem. Es ist so peinlich!

Euer Doktor Seebold Göppel Winter