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Johann Janus' Kolumne

Alternative Stadtführung


"Hinter diesem Esel verbirgt sich eine ganz besondere Geschichte", erhebe ich meine Stimme und deute auf den Eselsbrunnen hinter mir. "Laut Legende erwartete das Volk gerade den Einzug des preußischen Prinzen, als ein nichtsahnender Bauernjunge aus Köthen auf seinem Esel in die Stadt geritten kam. Plötzlich rief jemand: 'Da kommt der Prinz!', und der leichtgläubige Pöbel begrüßte den Eselsjungen mit Jubelrufen und Blumenwürfen." Der leichtgläubige Pöbel vor mir zückt seine Kameras und fotografiert andächtig die Steinskulptur. Von hier an lässt der Wahrheitsgehalt meiner Stadtführung stetig nach. Vorbei am Gildehaus der Nutriazüchter und der Peter-Sodann-Gedächtniskirche geht es zur Kommunistenfahne, die laut meiner Stadtführung "Alternative Geschichte Halles" jeden Montag von randalierenden Kommunisten mit Sozialistensternen versehen wird.
"Was ist das Gebäude dort?", fragt ein vollbärtiger Hipsteramerikaner und zeigt auf die Oper. "Das ist der Zweitwohnsitz von Rico Fressnapf, dem Gründer eines Haustierfutter-Imperiums", antworte ich mit großer Geste und erzähle die intrigenreiche Geschichte des europäischen Tierfuttermarktes. "Was machst du da?", begrüßt mich Torben unter dem Händel (den ich kurzerhand zum Universalgenie und langjährigen Bürgermeister Halles gemacht habe), als ich meine 20köpfige Touristengruppe zum Fotostopp an den Paternoster geschickt habe. "Stadtführungen. Die laufen super! Seit alle Welt Angst hat, in terrorgefährdete Metropolen zu reisen, sind unbedeutendere Städte wie Halle der Hit!", erkläre ich. Für nächste Woche habe ich gleich acht Anfragen gekriegt. Ich überlege, meinen eigentlichen Job hinzuschmeißen und die hallische Tourismusbranche umzukrempeln. "Bevor die Konkurrenz den Trend bemerkt!"
Torben guckt mich verständnislos an und schüttelt den Kopf. "Aber du kannst doch die Stadt nicht interessanter machen, indem du die Geschichte einfach erfindest!" "Wieso denn nicht?", kontere ich. Es ist ja nicht so, als ob irgendjemand das nachprüfen würde. Sie machen ihre Fotos, freuen sich über Legenden und gehen dann am nächsten Tag in die nächste europäische Alternativmetropole, nach Marburg zum Beispiel. Während Torben noch protestiert, kehrt meine Gruppe zurück, ich präsentiere ihn als letzten Nachfahren des heiligen Francke, der neben den Franckeschen Stiftungen auch für eine Reihe von Wunderheilungen an Leprakranken verantwortlich ist. Ein Pärchen aus Neuengland macht begeistert Fotos mit ihm. "Das stimmt überhaupt nicht, ich bin ein ganz normaler Bürger", ruft Torben. "Ach, so bescheidene Prominenz hat doch nur Halle", kommentiere ich begeistert und begleite meine Gruppe in Richtung Leopoldina. Ein Besucher wollte gern mehr zu den Freimaurern erfahren und ich will niemanden enttäuschen. Vielleicht kann ich ihm ja noch meinen Handwerker als aktiven Gilden-Vorsteher präsentieren ...


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner