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Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Ein Leben voller Rituale


Liebe Freunde, habt Ihr schon einmal beobachtet, wie sich die Leute an einer Bushaltestelle verhalten, wenn der Bus nicht kommt?

Wie sie voller Unruhe von einem Bein auf das andere treten, mit verdrehten Augen in den Himmel blicken, wie sie wieder und wieder auf ihre Uhren sehen, als ob sich dadurch irgendetwas ändern würde, als ob es ihnen durch dieses Auf-die-Uhr-Sehen gelingen könnte, den Bus zu beschleunigen, den Verkehr zu regulieren, Staus aufzulösen, die Ampeln auf Grün zu schalten, als ob ihre Uhr imstande wäre, das Weltgeschehen oder ihr Schicksal zu beeinflussen, alles besser zu machen, dass sie, selbst wenn man ihnen die Sinnlosigkeit ihrer Handlung plausibel machen könnte, sofort wieder auf ihre Uhr sehen würden, weil sie gar nicht mehr anders können, weil es ihnen zum Zwang geworden ist, weil sie glauben, dass ein Nicht-mehr-auf-die-Uhr-Sehen die schlimmsten Folgen für sie haben könnte, weswegen sie sich nun auch noch völlig entnervt mit ihrem Zeigefinger zwischen Hemdkragen und Hals entlang fahren, wovon sie auch nicht lassen können, wenn der Bus gekommen ist. Selbst dann, wenn sie sich auf einen Fensterplatz gesetzt haben, sehen sie nicht aus dem Fenster, sondern auf ihre Uhr, weil sich dieses Auf-die-Uhr-Sehen und Am-Hemdkragen-Herumnesteln verselbständigt hat, zu einem Ritual geworden ist.
Es ist kompliziert. Unser Leben ist voller Rituale. Wir wiederholen die sinnlosesten Dinge, einfach nur, weil wir uns an sie gewöhnt haben. Das gibt uns Sicherheit. Mit unseren kleinen Mitteln versuchen wir, unsere konfuse Welt zu stabilisieren. Manche glauben, durch das Lutschen von Lakritzpastillen den Treibhauseffekt zu verlangsamen. Andere versuchen dieses Ziel durch das komplizierte Verknoten ihrer Schnürsenkel zu erreichen. Ich kenne jemanden, der beim Anblick eines Pferdes die Zähne fletscht, weil er instinktiv spürt, dass es ihm Glück bringt, und ich kenne Leute, die sich nach dem Händewaschen noch einmal die Hände waschen, weil sie glauben, sich beim ersten Händewaschen schmutzig gemacht zu haben. Außerdem kenne ich Männer meines Alters, die in der Straßenbahn lange, kuschlige Schals stricken, weil sie von dieser Tätigkeit eine mentale Festigung erhoffen.
Vor kurzem habe ich vor einem Schaufenster einen Mann gesehen. Er hielt eine Zigarette zwischen dem Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand und strich, während er mit nach vorn gerecktem Kopf in das Schaufenster blickte, durch mehrere schnelle Bewegungen seines Daumens die rechte Augenbraue glatt. Er machte das routiniert, wie jemand, der die meiste Zeit seines Lebens damit verbringt, sich mit einer Zigarette in der Hand die rechte Augenbraue glatt zu streichen, so, als würde er es beruflich machen. Ich habe aber sofort bemerkt, dass es ein Ritual gewesen ist. Was denn sonst?

Euer Doktor Radbruch Rappaport Winter