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Johann Janus' Kolumne

Janus liest mit


Ich befinde mich in einer Halle voller Comicfiguren und großäugiger Mangapüppchen. Aufwendig genähte Superheldenkostüme und enganliegende Kleidchen an durchschnittlich zu minderjährigen und zu verpickelten Jugendlichen.

Irgendwie komme ich mir mit meinem frischgebügelten Hemd arg fehl am Platz vor. Kostümparty und du bist der Einzige, der nicht informiert wurde. Ein vollfarbig blauer Avatar-Cosplayer rammt mich an der Schulter, zwei kichernde japanische Schulmädchen zeigen mit dem Finger auf mich und Torben, die beiden Freaks, die in solch einer Aufmachung zu ihrem Jahrestreffen gekommen sind. Es ist Leipziger Buchmesse. Offiziell zumindest. Von den Ständen der Verlage blicken verzweifelte Hostessen in das Publikum und fragen sich, wo die interessierte Leserschaft ist, und wann immer ihre Augen auf uns fallen, klären sich ihre Blicke in hoffnungsvoller Freude.
"Wollt Ihr ein kostenloses Exemplar von unserem neuesten Bestseller haben?" "In fünf Minuten haben wir eine Lesung unseres Star-Autors!" "Habt Ihr schon unsere kostenlose E-Book-App ausprobiert?" Torben und ich sind offenbar die einzigen Menschen, die weder hier sind, um ihre Druckwerke anzupreisen, noch ihre selbstgemachten Kostüme vorzuführen. Also lassen wir uns von einem Messestand zum nächsten ziehen, stecken Broschüren, Bücher und Gummibärchen in unsere Beutel und werden von den Hostessen umschwärmt wie eine 600-Watt-Birne von den Motten.
"Sag mal, Janus, hätten wir für Lesungen und Bücher angucken nicht auch in Halle bleiben können? Da ist doch diesen Monat eigentlich auch genug los", meint Torben, als wir uns gerade durch eine Gruppe Kung-Fu-Kämpfer, Meerjungfrauen und grünhaariger Elfen hindurchdrängeln, um uns die Bücher eines weiteren Kleinverlags anzugucken. "Ja, schon", finde ich, "aber hier bekommen wir mehr Süßigkeiten."
Davon abgesehen machen wir eigentlich tatsächlich nichts anderes als in einem der wenigen gutsortierten Bücherläden, die es noch so gibt: Leute fragen, was sie gerade Spannendes zu lesen haben, durch kleinbeschriebene Seiten blättern und uns über wohlgewählte Büchernamen freuen. Eine Liste an Büchern zusammenstellen, die man sich zum nächsten Geburtstag wünschen kann und so lange in guten Graphic-Novel-Bänden schwelgen, bis die Händler ungeniert die Nasen rümpfen.
Naja, und eben sich durch Mangafiguren in Lebensgröße kämpfen. Ist das nötig? Nein. Aber das ist lesen ja auch nicht. Bereuen werden wir es wahrscheinlich dennoch nicht, wenn wir am Abend mit zwei Beuteln Büchern und Gummibärchen nach Hause gehen.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner