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Johann Janus' Kolumne

Macht Halle wieder heftig!


"Diese Elite um Bernd Wiegand hört doch gar nicht mehr auf das Volk!", empöre ich mich und lege einen Zeitungsartikel über das aufgerollte Untreue-Verfahren zur Seite. Es ist Mitte Januar, wir haben die letzten Böller weggefegt und uns in einem namenlosen Billig-Café niedergelassen. "Naja, das ist ja jetzt nicht wirklich eine neue Geschichte", kommentiert Torben lakonisch und meint eher das Untreue-Verfahren als meine populistische Aussage. Aber Torben war schon immer ein vorsichtiger Mensch, und ich finde, jetzt reicht's langsam. Man muss doch was tun. "Und überhaupt," steigere ich mich und fege mit einer ausladenden Handbewegung den Kaffee vom Tisch, "darf man hier gar nicht mehr sagen, wie's wirklich läuft! Und die Medien schreiben über nichts!" "Stimmt doch gar nicht", wendet Torben ein und stellt die entleerte Kaffeetasse seelenruhig zurück auf den Tisch, "sonst könntest du ja nicht den Artikel über ein Untreue-Verfahren des Bürgermeisters lesen." "Unfug! Das ist doch alles Schmierenkomödie! Ich werd da mal richtig aufräumen, das kann ich nämlich, jeder weiß das! Was ich für ein großartiger Aufräumer bin!" Ich stopfe die Zeitung in meine Manteltasche und stehe auf. "Wenn du mich entschuldigst, ich muss jetzt mal Halle wieder heftig machen! Heftig gut!"
Vier Wochen später: "Diese Saalekreisler kommen alle hierher, nehmen uns unsere Jobs und verstopfen mit ihrem furchtbaren Fahrstil die Straßen!", erkläre ich der Menge der mir Folgenden. "Das sind alles Vergewaltiger! Stellt diese Nutrias an die Mauer und erschießt sie! An welche Mauer fragt ihr? Wir werden eine Mauer bauen - einmal um Halle drumrum! Und der Saalekreis wird dafür bezahlen!" Einen Moment lang herrscht Stille auf der Ziegelwiese. "Voll gut!", ruft schließlich ein bekiffter Typ und erntet großteils zustimmendes Gemurmel. Hinter mir steht mein Stab von zukünftigen Beigeordneten, sie sind kompetent, sehr kompetent, das weiß jeder. Für den Bereich Finanzen habe ich meinen Nachbarn nominiert, der hatte schon zwei Mal Leute vom Finanzamt bei sich zu Hause und kennt sich auch heftig mit der Schufa aus. Fantastischer Mann. Kultur und Sport liegen in der Hand von Florida-Mike, der wiegt zwar 260 Kilo und trägt ausschließlich Hawaiihemden, kann aber dafür heftig FIFA zocken. Ich vertraue ihm vollkommen. Zweihundert Prozent. Bildung und Soziales muss natürlich eine Frau machen, da hab ich sogar eine gefunden. Ich weiß nicht, ob sie irgendwelche Qualifikationen mitbringt, aber sie ist heftig hübsch, und das ist schließlich das Wichtigste. Ich würde sie gerne einfach so küssen, aber fürchte, dafür bin ich noch nicht prominent genug. Erst hatte ich Torben gefragt, ob er nicht Stadtentwicklung und Umwelt haben will. "Ich werde nicht Teil deines Irrenkabinetts!", kommentierte er - nicht, dass er meinen Erfolg anzweifeln würde, niemand macht das. Ich bin dafür nämlich heftig geeignet. Jetzt macht es eben der Kater 2016, was könnte der schon falsch machen.
Plötzlich werde ich von Polizeibeamten unterbrochen, die mich ohne viel Aufhebens festnehmen und zu ihrem Wagen bugsieren. "Staatsverschwörung! Was soll das? Ich mache nichts anderes als der US-Präsident!", brülle ich empört, als die Handschellen um mein Handgelenk klacken. "Du meinst Hassreden und Anstiftung zum Mord?", fragt Torben, der bedauernd kopfschüttelnd danebensteht. "Stimmt schon, aber du bist eben einfach kein Multimillionär."


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner