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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Meinungsumfrage


Das Telefon klingelte. Da es der Apparat war, mit dem meine gerade abwesende Frau hauptsächlich kommuniziert, tat ich den Teufel, mich zu beeilen. Diese Nummer haben nämlich ausschließlich ihre Familie und Freundinnen. Außerdem war meine Tochter mittlerweile sowieso schneller als ich, was übrigens immer mehr Menschen von sich behaupten können. Sie nahm ab, meldete sich brav nicht mit Namen, sondern nur mit "Hallo?" und gab mir kurz darauf wortlos den Hörer. Mein Gesicht fragte, wer dran sei, doch meine Tochter zuckte nur mit den Schultern. Blick auf das Display - aha, eine Münchener Vorwahl. "Ja?". Da ich die Nummer nicht kannte, wartete ich ab.
Immerhin hätte es ein Gewinnanruf sein können. Denn wenn man ganz ohne eigenes Zutun in diesem Land zu irgendwelchen Verträgen kommt, warum dann nicht auch mal zu einem Gewinn? Rauschen wie direkt an der Autobahn und dann der leicht gehetzte Einsatz: "Entschuldigen Sie, ich rufe im Auftrag ..." Also der Klassiker. Wie immer verstand ich weder wer dran war, noch wer da in wessen Auftrag bei uns anrief. "Weeer ist da?" Die Antwort klang wie eine Mischung aus Mario Götze, Aytac Sulu und Akaki Gogia. Andererseits schien es eine Frau zu sein. "In wessen Auftrag rufen Sie an?" Das klang eindeutig nach CNN, MTV oder MDR, glaube ich. Im Prinzip war es auch egal, denn normalerweise lege ich spätestens da auf. Diesmal hatte ich aber gerade Zeit und sah das hübsche Mädchen aus Mumbai mit dem Headset im Großraum-Callcenter vor meinem geistigen Auge, dem noch zwei Anrufer bis zum millionsten Anruf in dieser Schicht fehlten, was eine Lohnerhöhung auf fünf Dollar am Tag bringen würde, und beschloss, ganz lieb zu sein.
Seitdem ich eine Reportage über diese Callcenter in Indien gesehen habe, aus denen junge Inder und Innen fast akzentfrei mit aller Herren Länder kommunizierten, sehe ich bei jedem Hotline-Telefonat diese Callcenter in Mumbai vor mir. Ich weiß noch, wie geflasht ich war, als ich sah, wie man einen Pizzadienst in den USA anrief und in Mumbai nahm der Kollege die Bestellung an. Da gab es sogar den Kundendienst einer deutschen Bank! Es überraschte mich nur, dass Mumbai und München dieselbe Vorwahl haben. So weit ist es also schon, nur weil die Merkel die Grenzen offen gelassen hat.
"Worum geht es denn?" Im Auftrag eines Meinungsforschungsinstitutes wolle sie ein paar allgemeine Fragen stellen. "Aber schnell!", sagte ich sicherheitshalber. Nachdem sie mein Alter, die Anzahl der in der Wohnung lebenden Personen mit deren Alter, ob ich Steuern zahle und Auto fahre sowie meinen Beruf erfahren wollte, fragte ich dazwischen, wann sie denn meine Meinung zu etwas Bestimmtem wissen wolle, weil es bisher eher nach Datensammlung klang. Aber scheinbar wollte sie gar nichts wirklich wissen, denn traditionell beantworte ich fast alle Fragen zu meiner Person mit dem Hinweis "Geht Sie nichts an", was normalerweise dazu führt, dass die irgendwann von selbst auflegen. Diesmal aber nicht. Nach einigen Minuten kam dann endlich die erste Glaubensfrage: "Glauben Sie, dass Donald Trump ein guter Präsident ist?" Häää? Nein, das glaube ich nicht! Aber das sagte ich ihr nicht, denn Donald Trump war gerade zwei Tage im Amt und ob er ein guter oder schlechter Präsident ist, sollte er doch erstmal zeigen dürfen. Das gebietet mir mein Verständnis von Demokratie und Fairness. Hätte sie mich allerdings gefragt, ob ich seine Frisur scheiße finde, dann hätte ich ihr laut und deutlich gesagt: "Ja, sogar extrem scheiße!" Da reicht ein kurzer Blick. S isso!
Ciao, Euer Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade