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Dr. Winters Kolumne

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Lesung mit zwei Hunden


Liebe Freunde, wer es schon einmal probiert hat, weiß, dass es gar nicht so schwierig ist, ein Buch zu schreiben. Man setzt sich vor den Computer, lässt die Finger ein wenig über die Tastatur gleiten, und schon geht es los.

Alles, was man tun muss, besteht darin, eine Geschichte zu erfinden und ein bisschen aufzupassen, dass man nicht mit den Namen der Helden durcheinander kommt, also wer auf Seite 3 Stefan heißt, darf auf Seite 312 nicht mit Martina angesprochen werden. Es sei denn, es ist auf Seite 96 etwas Furchtbares passiert. Um das zu klären, verfügen Bücher fast immer über eine Handlung. Anregungen für eine Handlung findet man übrigens überall. Man braucht bloß aus dem Fenster zu sehen. Die Familie von gegenüber beispielsweise, in der die Männer so grässlich hoch und wimmernd sprechen und in der die Frau Tag und Nacht mit den Absätzen ihrer Schuhe knallt, sogar im Bett, besitzt ein Konfliktpotenzial, das mindestens 20 Seiten füllt. Ganz zu schweigen von dem ihnen allen eigenen, mit völliger Humorlosigkeit gepaarten, total abstoßenden Kleidungsstil, der hochinteressante Rückschlüsse auf ihr verkorkstes Innenleben zulässt (noch mal 40 Seiten). Die meisten Seiten verspricht allerdings die Vorliebe des im Dachgeschoss lebenden Nachtpförtners für Sätze aus fünfsilbigen Wörtern (insgesamt 63).
Nein, ein Buch zu schreiben ist nicht allzu schwer, es verlegt zu bekommen schon eher, und ganz schwierig ist es, die Öffentlichkeit dafür zu interessieren. Normalerweise geschieht das durch Lesungen. Das Bemerkenswerte an einer Lesung des eigenen Buches besteht darin, dass man sich jedes Mal fragt, wer so einen Unfug geschrieben hat. Die zweite Frage lautet: Wen interessiert das wohl? Die Antwort auf die erste Frage lässt einen die Schamröte ins Gesicht steigen, die Antwort auf die zweite Frage lautet: Meistens niemanden. Einmal im Herbst bin ich zu einer Lesung in eine Buchhandlung eingeladen worden. Der Beginn war für 19 Uhr anberaumt gewesen, abgesehen von den beiden Buchhändlerinnen jedoch hatte sich bis zu dieser Zeit kein Mensch in dem Laden blicken lassen. Es war abzusehen, dass sich das in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen nicht ändern würde. Vor lauter Verzweiflung habe ich angefangen, Sätze mit fünfsilbigen Wörtern zu sprechen, woraufhin die Buchhändlerinnen den Raum verließen.
Kurz vor 20 Uhr sind sie zurückgekommen und ich habe mit Lesen begonnen. Um die Illusion einer gut besuchten Veranstaltung zu perfektionieren, haben sie schließlich ihre zwei Hunde aus dem Hinterzimmer geholt. Im Gegensatz zu den Frauen täuschten wenigstens die Hunde ein gewisses Interesse an der Geschichte vor. Aber ich kann niemandem einen Vorwurf machen, sogar ich bin während der Lesung mehrmals eingeschlafen. Dass meine Zuhörer trotzdem bis zum Ende ausgeharrt haben, fand ich total nett. Aus Dankbarkeit hätte ich sie gern gefüttert. Die Hunde natürlich. Gegen 22 Uhr bekam ich Schwierigkeiten beim Sprechen. Ich begann, die Buchstaben K und M zu verwechseln. Damit war der Abend beendet.
Euer Doktor Stuckrad Kaminer Winter