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Johann Janus' Kolumne

Der schlimmste Kater


Torben und ich schieben Silvesterböller in der Kleinen Ulli an den Bordstein. Mit den Füßen, denn wir sind risikofreudig oder dumm.

"Schlimmer kann es ja ohnehin nicht werden", meint Torben. Das halte ich für leicht übertrieben, wenn man das persönliche Unglück eines von einer ungezündeten Silvesterbatterie wegexplodierten Beins in Betracht zieht. Aber schließlich gibt es auch keinen guten Grund, warum wir überhaupt Böller an den Rand schieben, darum kümmert sich ja eigentlich die Stadtreinigung.
"Wir können die Drecksarbeit nicht immer den anderen überlassen", hatte Torben befunden, als wir mit dem schlimmsten Kater aller Zeiten aufgewacht waren und das Kriegsgebiet auf den Straßen betrachteten. Nicht, dass wir uns gestern zu hart betrunken hätten (naja, ein bisschen vielleicht). Der Kater heißt 2016, und ist nicht eines von diesen Süße-Katzenvideo-Kätzchen, die sich tapsig auf die Computertastatur setzen und mit dem Cursor spielen, sondern ein absolutes Biest. 2016 kratzt dir die Haut vom Fleisch, wenn du ihn gerade streicheln willst, packt dir zum Geburtstag halb verblutete Vogelkadaver auf die Wohnzimmercouch und weckt dich um fünf Uhr morgens, damit du ihn trotzdem noch fütterst.
"Ich bin ja fehlertolerant", sagte ich zu Torben, nachdem der Kater unseren Neujahrsbrunch zerlegt, die gefüllte Espressomaschine zum Explodieren gebracht und zum Neuweißen der Wand Frischkäse verwendet hatte. "Aber ich glaube, ich gebe 2016 zur Adoption frei."
"Und an wen bist du ihn losgeworden?", fragt Torben, als wir uns am Tag darauf zu besagtem Böller-zur-Seite-Schieben treffen und er feststellt, dass die Kamikatze nicht um uns herumstreunt und wahllos Blindläufer zum Explodieren bringt.
"Ein Typ aus den USA hat ihn zum Verantwortlichen für Reaktorsicherheit gemacht", schulterzucke ich.
"Und dann sagst du, es könne nicht schlimmer werden?", staunt Torben entgeistert, mit einer ungezündeten Rakete in der Hand und einer postfaktischen Verdrehung vorheriger Aussagen.
Wir überlegen einen Moment, zählen im Kopf nach, was 2016 alles angerichtet hat und prusten dann los. "Nee, wirklich nicht", kichere ich und kicke eine Silvesterbatterie von der Straße. Sie explodiert im Flug und entzündet eine Mülltonne voller Schwarzpulverprodukte, die mit lautem Getöse einen fünf Meter großen Krater in die Kleine Ulli reißt. Nee, wirklich nicht, hoffe ich.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner