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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Die müssen dor bloß ...


"Die müssen dor bloß ...!" So klar formuliert man das in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker. Während die Dichter zu Exoten bei den wenigen Ausnahmeerscheinungen innerhalb einer Minderheit geschrumpft sind, deren Zielgruppe sich fast ausschließlich aus sich selbst zusammensetzt, sind die Denker immer mehr im Kommen. Weil sie eben klipp und klar sagen, was man "dor bloß muss". Dabei wird selbst dem unbedarftesten Zuhörer schnell klar, wie einfach diese Welt eigentlich ist und wer am Scheitern in dieser die Schuld trägt.
Mit wenigen Worten macht der Denker komplizierte Sachverhalte für alle nachvollziehbar, mit "die" ist klar, welche Knallchargen gemeint sind, wobei die Aussage mal die da oben treffen kann oder die, die für dieses oder jenes zuständig sind, was allerdings oftmals das Einzige ist, was man niemals herausfinden wird. Siehe Sächsische Landesbank, VW-Abgas-Skandal, BER oder das Fernsehprogramm. Aber mit "die" liegt man generell richtig. Es ist klar, wer gemeint ist, ohne auch nur eine Person genannt zu haben. Eine rhetorische Meisterleistung. Die Ergebnisoffenheit der Aussage sorgt zudem für Interpretationsspielraum und dafür, dass man ganz schnell Zustimmung erntet, die ebenso klar in ihrer Aussage ist. Das führt dann zu Dialogen, wie: "Die müssen dor bloß ...!" - "Genau!" Wobei es keine Rolle spielt, dass einer gar nichts Genaues gesagt, geschweige denn, erwähnt hat, wie es nun genau gehen soll. Zu viel Input schadet nur. Damit gewinnt der Denker seine Zuhörer in fast allen intellektuellen Schichten und Kellern, denn die Darstellung des Sachverhaltes mit den Worten "dor bloß" macht fast jedem verständlich, wie simpel das Problem eigentlich ist.
Dabei gibt es fast keine Sachgebiete, die ihm fremd sind. Die Wessi-Brötchen sind aufgeblasen? "Die müssen dor bloß die Luft ablassen!" Die neue Straße hat schon wieder Schlaglöcher? "Die müssen dor bloß den richtigen Asphalt nehmen!" Der Stürmer "muss dor bloß flach schießen!" Und der Jogi? "Der muss dor bloß im Gang die Eier richten, wo es keiner sieht!" Der Terrorist ist entkommen? "Die müssen dor bloß die DNA von denen nehmen!" Oder: "Die brauchen dor bloß die Grenzen dicht machen!" Leider hat in der Regel nicht der Backprofi vom Brötchen oder der Straßenbauer vom Asphalt gesprochen. Und auch der Terrorexperte hat sein Wissen zwar vom Tatort, nur eben dem der ARD. Und wo Jogi am Ball ist, da ist auch eine Kamera. Ist aber egal, denn wenn es logisch klingt, muss es auch stimmen. Wäre sonst unlogisch.
Dadurch kommt es immer öfter dazu, dass immer mehr Menschen glauben, über immer mehr Dinge richten und urteilen zu dürfen, ohne den Hauch eines Schimmers von der Materie oder der Idee, mit einer Gegenfrage das Gesagte zu hinterfragen. Selbst komplizierte Fachgebiete wie das Steuerrecht oder die Quantenphysik sind keine Hemmschuhe mehr. Im Gegenteil, denn wenn die Anderen davon auch keine Ahnung haben, können sie das Gesagte wohl kaum widerlegen. Außerdem gilt die Regel: Wer ihnen recht gibt, hat selbst recht. Und wer an deren Aussage zweifelt, hat nichts verstanden und soll sich ruhig weiter verarschen lassen. Jedenfalls tun sie es nun endlich, denn bisher durften sie es nicht. Was auch immer. So gesehen weiß ich übrigens jetzt schon, wie es der großen Koalition gelingen wird, auch nach 2017 an der Macht zu bleiben: "Die müssen dor bloß machen, was den Leuten gefällt!" So einfach ist es manchmal.
Grundlos optimistisch, ciao, Euer Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade