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Dr. Winters Kolumne

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Opa und die Keksattrappe


Liebe Freunde, es macht mich fassungslos, dass schon wieder ein Jahr zu Ende geht, eben habe ich noch dem letzten Schokoladenweihnachtsmann den Kopf abgebissen, schon stehen die nächsten 44 Exemplare zum Verzehr bereit. Sie sehen übrigens genauso aus wie die im vorigen Jahr, schicksalsergeben und treuherzig lächeln sie mich unter ihrem schlohweißen Bart an, aber sie können mir nichts vormachen, insgeheim freuen sie sich an dem Gedanken, dass sie mich fett machen werden, fett und faul und behäbig. Sollen sie doch. Die Schokoladenweihnachtsmänner sind übrigens nicht die einzigen Weihnachtsrelikte, die wie ein Déjà-vu wirken. Auch der Weihnachtsbaum ist genauso hässlich wie der im vorigen Jahr. Er sieht aus wie nach einem Waldbrand oder als ob er in Tschernobyl gekauft worden wäre, dabei habe ich ihn im Baumarkt erworben, und nicht etwa in der Abteilung, in der es Dachrinnen und Ofenrohre gibt, wie häufig gemutmaßt wird.
Auch mit der Gans ist es immer dasselbe. Sämtliche Vegetarier in der Familie stört, dass ich ein totes Tier aus dem Supermarkt mitgenommen habe. "Ein Kadaver!", schreien sie, und wenden sich angewidert ab. Ein lebendiges Tier hätten sie allerdings auch nicht gegessen. Weil sie nichts, was aus Fleisch ist, zu sich nehmen. Wir würden ja gern Fleisch essen, sagen sie, es darf eben nur kein Fleisch sein. Aber eine Plastikente wollen sie auch nicht auf ihrem Teller. Wir würden ja Plastik essen, wenn es kein Plastik wäre, sagen sie. Das haben sie im vergangenen Jahr auch schon so gemacht. Und sie haben mir auch nicht geholfen, die Gans zu zerteilen, obwohl sie Knochen wie ein Ochse hatte. Sie haben gefragt, ob sie immer noch tot ist, und als ich das bestätigt habe, wollten sie es nicht machen. Auch Tante Gertraude benimmt sich wieder genau so etepetete wie letztes Weihnachten und regt sich auf, dass niemand hochdeutsch spricht. Wenigstens zu Weihnachten könntet ihr ja einmal hochdeutsch sprechen, sagt sie und kriegt sich kaum ein vor lauter mit spitzem Mund geformten Vokalen. "Schüssel" sagt sie mit einem scheinbar nie zu Ende gehenden "ü", und beim "l" stößt sie noch mit ihrer Zungenspitze gegen ihre Oberlippe. Jetzt habe ich auch keinen Appetit mehr.
Und Mario, der auf dem Bau arbeitet, und dessen einziger vollständiger Satz "Dem hau ich eene droff!" lautet, schlägt Tante Gertraude mit seiner Pranke auf die Schulter und sagt: "Wenigstens zu Weihnachten könntest du mal sächsisch reden!" Tante Gertraude zeigt ihm einen Vogel. Auf hochdeutsch selbstverständlich. Jedes Jahr dasselbe. Jedes Jahr die Frage, ob Opa alle Omas mitbringt, auch die drei geschiedenen, oder nur seine neue Freundin. Letztes Jahr zu Weihnachten hat sie ihm eine Keksattrappe aus Pappe angeboten und er hat sie gegessen. Das war lustig, vor allem die Vegetarier fanden es vorbildlich. Das Gute an Opa ist, dass er alles verträgt. Später habe ich eine Idee, wie wir mit dem Weihnachtsbaum verfahren sollten. "Ich denke", sage ich, "wir stellen ihn hinter den Schrank. Dort ist er im Raum, aber wir müssen ihn nicht sehen." Alle sind einverstanden, und Tante Gertraude fragt, ob wir das nicht auch mit Mario machen könnten. Dabei formt sie das "ö", na, ihr wisst schon. Es ist wirklich jedes Jahr dasselbe. Aber, was soll ich sagen, irgendwie geht es einfach nicht ohne. Weder ohne Tante Gertraude und auch nicht ohne Mario und Opa und auch nicht ohne die Vegetarier und absolut und überhaupt nicht ohne Weihnachten.
Euer Doktor Dickens Storm Winter