Film 160x600_content

Johann Janus' Kolumne

Unterwegs mit Soledad


Soledad maunzt mich vorwurfsvoll an. "Du solltest meine Leine abnehmen", murrt er, "das ist erniedrigend." Vermutlich hat er Recht, immerhin ist Soledad ein zerrupfter Kater, der mir irgendwo auf einer verlassenen Landstraße im Baskenland zugelaufen ist. Als Torben mich zur Computer-Kur auf den Camino del Norte schickte, konnte ich nicht ahnen, dass ich bereits wenige Tage später mitnichten alleine unterwegs sein sollte. Anfangs übersah ich den orangenen Straßenkater, der mir immer, wenn ich nicht in einer von Bettwanzen belegten Herberge schlief, über den Weg lief. Dann wäre er fast von einem Truck erfasst worden und ich nahm ihn an eine selbstgebastelte Leine, zu seiner eigenen Sicherheit natürlich. Aber irgendwie hat er ja Recht.
"Na gut", stimme ich also zu und löse seine Leine, "aber wenn du weg läufst, wirst du bestimmt überfahren!" "Da hast du völlig recht", antwortet Soledad, kratzt sich hinter den Ohren am befreiten Hals und rennt nach links in die Büsche davon.
"Soledad, du Miststück! Komm sofort zurück!", brülle ich und ernte kritische Blicke, als im selben Moment eine Wandergruppe japanischer Touristen um die Straßenkurve biegt. Sie machen Fotos von mir, ich habe einen Strohhut auf und laufe mit Bambusstock, außerdem stehe ich am Straßenrand und rufe "Soledad" wie ein Verrückter, ich kann es ihnen nicht verübeln. Würde sich mir in Japan ein ähnliches Bild bieten, ich hätte es wohl auch fotografiert und zu Hause als autochtones Erlebnis geschildert.
Verärgert stapfe ich nach vergeblicher Suche alleine weiter, ein paar Stunden oder auch Tage. In einem kleinen baskischen Örtchen, wo der Dorfpolizist Baskenmütze trägt und ein alter Mann eine Stereoanlage auf seinem Gehwagen zum Dorffest durch die Gassen schiebt, begegne ich Sorpresa wieder. Die Holländerin, der ich bereits zu Beginn über den Weg lief, sitzt ein Sandwich essend am Wegrand und ist kaum überrascht, mich zu sehen. Neben ihr sitzt Soledad und lässt sich streicheln. "Ich wollte nur prüfen, ob ich dir wichtig genug bin", murmelt er unter dem Schnurren hindurch und guckt mich aus halb geschlossenen Augen an.
Eigentlich ist Soledad kein angenehmer Zeitgenosse: Er pfeift Ohrwürmer und stellt bohrende Fragen, schreckt andere Leute ab und frisst mir meine Wanderbananen weg. Aber irgendwie gehört er trotzdem zu dieser Wanderung dazu, würde Torben zumindest sagen, und ich habe mich inzwischen auch an ihn gewöhnt.
"Sonst würde ich dich ja nicht mit durch diese Berge schleppen", antworte ich und setze mich zu Sorpresa und Soledad. Wir beobachten den Baskenmützenpolizisten, wie er mit dem Stereoanlagen-Alten diskutiert. Ich lasse den Kater auf meine Schulter springen, hake mich bei Sorpresa unter und laufe weiter gen Westen. Soledad singt nervige Popsongs, Sorpresa versorgt uns mit schlechten Witzen und ich bin weder richtig überrascht noch einsam. Im guten Sinne.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner