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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Wir Sachsen eben


Was macht uns Sachsen besonders? Bei dieser Frage denken wahrscheinlich 90 Prozent der Sachsen an etwas Positives. Muss es aber nicht sein, denn auch besonders doof ist besonders! Schon der Umstand, dass wir uns für etwas Besonderes halten, ist ein Problem an sich. Seitdem wir wieder Sachsen sind, sind wir auch ständig Superlativ: Die wenigsten Arbeitslosen der neuen Länder, das höchste Wirtschaftswachstum, die besten, schlauesten Schüler Deutschlands, darum das beste Schulsystem und natürlich das erste Bundesland mit ohne neuen Schulden im Haushalt. Und ganz oben? Erst huldigte uns ein alter zugereister Mann ständig als besonders fleißig, herzlich, revolutionsgehärtet und rechtsresistent. Danach kam ein zugereister Finanztheoretiker mit dem Charme eines Aktenkoffers, dessen Geniestreich wir klaglos bis heute bezahlen. Und nun repräsentiert uns ein einheimischer Rethorikprofi, der als Vorstand der Schmalspurbahn nach Kipsdorf nicht auffallen würde. Aber als Ministerpräsident eines Kulturlandes mit Wissenschaftstradition? Positiv formuliert ist die freie Rede nicht sein Ding und Charisma hält er wohl für ein neues Auto. So aber entspricht er genau dem Typ Führungssachse, der unser Problem ist: Korrekt, freundlich, niemals laut oder gar vorlaut, dabei fleißig und zuverlässig. Leider fehlen Attribute wie kreativ, visionär oder mutig. In den Zeiten, als die CDU noch die sächsische Uhrzeit festlegte, war das kein Problem - nun aber zeigt sich die Schwäche.
Zuletzt bei einem Justizskandal der Extraklasse. Da wird ein Verdächtiger überwacht und gejagt, er entwischt und wird dann von Zivilisten (!) der Polizei übergeben, wofür die sich ausführlich selbst gratulierte. Und dann erhängt der sich in der Zelle! Zum Glück war es nur ein mutmaßlicher Terrorist. Wobei es bis zu einer Verurteilung eigentlich eine Unschuldsvermutung geben sollte, worin wir uns von seinem Heimatland unterscheiden. Nun könnte man selbstkritisch werden: Was haben wir falsch gemacht? Warum entkam er den Spezialkräften? Wieso konnte er sich erhängen? Kleinkram halt. Aber in Sachsen läuft das anders. Erstens ist es verboten, sich in der Zelle zu erhängen, also hat der Häftling gegen die Hausordnung verstoßen! Zudem ist Erhängen ebenso verboten wie das Weglaufen vor der Polizei! Dabei haben die Beamten drei Mal laut "Stopp!" gerufen. Nachlaufen ging nicht, da es an Schnellläufern fehlte. Kein Scherz! Auch die Tatsache, dass er in der Zelle an Lampe und Steckdose rumspielte, sagt doch nichts über Selbstmordabsichten aus. Er hätte ja auch der zuständige Zellen-Elektriker sein können.
Und dann darf man auch nicht unerwähnt lassen, dass der Knast-Azubi den Toten fand. Das bedeutet doch, dass da eine hervorragende Arbeit bei den Azubis geleistet wird! Man hat nach Tagen zudem ermittelt, dass der Azubi vorher bei der Bundeswehr war und mit dieser in Afghanistan weilte. Was wir für tolle Azubis haben! Der Justizminister hat übrigens sofort am nächsten Tag die politische Verantwortung übernommen. Okay, notgedrungen, weil die Anderen nicht wollten, aber er hat das toll gemacht! Immerhin war das unser erster Terrorist und da wussten wir nicht genau, was man beachten muss. Hätten wir geahnt, dass der vermeintliche Selbstmordattentäter einen Selbstmord begehen würde … Da war auch Pech im Spiel. Und da ist es wieder, das Besondere: Wir sind besonders fehlerfrei. Sogar wenn wir versagen!
Wieder Mal stolz auf seine tolle Kolumne, ciao, Euer Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade