Film 160x600_content
Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Jakob der Speed-Pilger


Liebe Freunde,
seit Hape Kerkeling 2006 sein Buch "Ich bin dann mal weg" ("Haben sie es gelesen?" "Nein, aber ich finde es großartig!") veröffentlicht hat, ist der Jakobsweg zu einem der beliebtesten Wege dieser Welt geworden. Längst hat er Arbeitswege, Schulwege, Umwege und Rückwege weit hinter sich gelassen. Selbst im Oktober-BLITZ! war ein Reisebericht über ihn zu finden. Und nun stellt Euch vor, genau zu dieser Zeit habe ich mich im Hochnebel in einem Hochmoor im Hochgebirge (Allgäu) aufgehalten, und dort anhand eines an einem Baum angebrachten Schildes mit einer Jakobsmuschel festgestellt, dass es sich bei diesem hochgefährlichen, nur mit Brettern notdürftig befestigten Gebirgspfad um einen Jakobsweg gehandelt hat. Manchmal duplizieren sich die Ereignisse. Jakobsweg hier, Jakobsweg da. Egal, wo ich mich befunden habe, immer bin ich auf einen Jakobsweg gestoßen.
Aber das ist im Grunde kein Wunder. Nahezu jeder zweite Wanderweg ist heutzutage auch ein Jakobsweg. Man findet Jakobswege in Polen, in der Schweiz, in Österreich und natürlich in Spanien. Dort ist schließlich auch Hape Kerkeling entlang gepilgert. Aber auch in Deutschland und sogar in der Umgebung von Chemnitz gibt es einen Jakobsweg, stellt Euch das einmal vor! Er nennt sich Via Porphyria und porführt über Rochlitz nach Geithain. Unglaublich, oder? Wenn der heilige Jakob, wie ich gedacht habe, all diese Wege persönlich entlang gepilgert sein sollte, dann kann er das nur im Dauerlauf getan haben. Weil ein normales Leben nicht ausreicht, die tausende und abertausende Kilometer, die sich Jakobswege nennen, im Schritttempo zurückzulegen. Nein, Jakob muss ein Speed-Pilger gewesen sein, eine Art Marathon-Jakob, der mit einer außergewöhnlich robusten Gesundheit gesegnet gewesen ist. Ein ruheloser Mensch, der keinen Schlaf brauchte, und sich nicht einmal zum Essen gesetzt hat. Immer unterwegs, immer in Bewegung. Er muss noch um einiges mehr weg gewesen sein, als Hape Kerkeling, nahezu nicht vorhanden, weil er permanent kreuz und quer über den Kontinent gesprintet ist.
Auf die Frage, warum er sich diese Mühe macht, hätte er sicher geantwortet "Einer muss es ja machen!" und wäre weiter gerannt. Aber man sollte ja generell nicht nach dem Warum fragen. Auf die Frage, warum etwas so oder so ist, gibt es so gut wie nie eine befriedigende Antwort. Die Frage nach dem Wie ist immer besser. Und wie es Jakob gemacht hat, wissen wir ja. Mit einem ungeheuren Tempo. Wahrscheinlich haben ihn die Leute zu seiner Zeit belächelt, den Kopf über ihn geschüttelt, aber heute ist man ihm für die vielen Jakobswege dankbar. Bei Ludwig, dem Bayernkönig war es ja ähnlich. Zu seiner Zeit hat man ihn wegen der vielen Schlösser, die er bauen ließ, ins Irrenhaus gesperrt. Heute ist man stolz auf Schloss Linderhof oder Neuschwanstein, zu denen Millionen Touristen alljährlich pilgern. Pilgern. Also laufen und nachdenken. Dafür sind die Jakobswege da.
Als ich mich vor kurzem etwas näher mit dem heiligen Jakob befasst habe, musste ich feststellen, dass die Pilgerpfade nicht seinen Spuren folgen, sondern zu seinem Grab führen. Naja, egal. Ohne ihn gäbe es die Wege auf jeden Fall nicht, und mittlerweile sind es über 400.000 Pilger, die sich jedes Jahr auf den Weg nach Santiago de Compostela machen, dorthin, wo der heilige Jakob begraben ist, also der Platz, zu dem auch Hape Kerkeling gepilgert ist. Hättet Ihr das gedacht? Ich nicht.
Euer Doktor Coelho Maak Winter