Film 160x600_content
Kudernatschs Kolumne

Kudernatschs Kolumne

Kudernatschs Kolumne

Depressive Fernsehhühner


Die Fernsehköchin Sarah Wiener besitzt depressive Hühner, erfahre ich bei einer Party in Berlin. Das sind die wahren Themen der Hauptstadt. Eine Fernsehfrau vom RBB weiß das. Sie scheint Sarah Wiener zu kennen und will sie in Gummistiefeln gesehen haben auf deren Bauernhof irgendwo im Speckgürtel von Berlin. Auf diesem Hof leben die gestörten Hühner. Warum sie depressiv sind, wissen weder Sarah Wiener noch die Fernsehfrau vom RBB. Vielleicht trauern sie dem Vorbesitzer nach, von dem Sarah Wiener den Hof samt Federvieh übernommen haben soll. Oder sie haben einfach so eine Meise. Das muss man erstmal schaffen als Huhn, eine Meise zu haben.
"So ein Huhn kann mal schlecht schlafen. Oder es legt ein Ei - und das hat die falsche Farbe. Oder ein Ei legt sich quer. Weißt du's?", redet die RBB-Tante auf mich ein, und ich weiß es natürlich nicht. "Genau, wer weiß das schon!" Die Frau fühlt sich von mir bestätigt - und das spornt sie an. Sie findet, dass sie ein wenig wie ein Huhn aussieht mit ihrer Nase. Also nicht die Sarah Wiener, sondern die Frau vom TV. Daher könne sie sich super in ein Huhn hineinversetzen. Ich bleibe höflich: "Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll." "Siehst du", lallt die Fernsehfrau. "Wer weiß das schon?"
Sie findet, dass man die Sprache der Hühner erlernen sollte, um zu erfahren, was sie genau gackern und glucken. Mit diesem Wissen könnte man die Hühner als Hühnerflüsterin heilen. "Wie soll das mit dem Flüstern gehen?", frage ich. "Wo willst du da hineinflüstern? Hühner haben doch keine Ohren!" "Weißt du's?", fragt die Fernsehfrau mit schwerer Zunge zurück. Ich will ihr sagen, dass die Hähne wahrscheinlich deshalb so laut krähen, damit die Hühner sie überhaupt hören. Aber sie hat das Interesse an den Ohren der Hühner verloren und dreht ab, um sich mit Getränken einzudecken.
Vielleicht sind die Hühner depressiv geworden, weil so unsägliche Witze über sie verbreitet werden. "James, sattle die Hühner, wir woll'n nach Texas reiten", ist nur einer davon. Oder der mit dem Stotterer, der die Hühnerschar fast im Stall hat. Nur eins springt von der Leiter und will nicht. Da ruft der Mann: "Jetzt geh-geh da rein, sonst schlag' ich dich kaputt-putt-putt." Und putt-putt-putt rennen alle Hühner wieder nach draußen.
Das dumme Huhn, das blinde Huhn, das verrückte Huhn - das grenzt an üble Nachrede. Wer so gehänselt wird, ist auffällig und wird gesellschaftlich geächtet. Ein gerupftes Huhn! Eine Freundin, die sehr viel redet, erinnert sich für diese Kolumne: "Mein Lehrer hat immer gesagt, der Mensch stammt vom Affen ab, nur Maria nicht, die ist vom Huhn!" Ist das ein Kompliment? Wohl kaum. Hühner haben es wirklich nicht leicht. Das bezeugt der Spruch: "Das Leben ist wie eine Hühnerleiter - kurz und beschissen." Da mag ich nicht tauschen! Schließlich kann ich mich mit den depressiven Hühnern von Sarah Wiener identifizieren. Wenn man sich nur öfter die Zeit nehmen würde, über die Dinge nachzudenken, wäre vieles klarer. Ich wünsche diesen Hühnern von ganzem Herzen die Freiheit. Auf dass sie aufsteigen und davonfliegen. Nur nicht zum Wienerwald - das wäre lebensgefährlich. Von mir aus drehen sie eine Runde über Berlin und senden von dort oben einen Abschiedsgruß. Zitterbacke, Hühnerkacke!

Tipp: Im November erscheint das neueste Buch von Kudernatsch mit solchen Geschichten. Es heißt: "Ich hab's im Hermsdorfer Kreuz".


Kudernatsch liest:

27.10. Sonneberg, Bibliothek
28.10. Sömmerda, Bibliothek
17.11. Erfurt, Café Backstube


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: Saskia Hoeger