Film 160x600_content

Johann Janus' Kolumne

Rückkehr auf den Planeten


Der Mittelpunkt des Universums ist noch immer ganz schön weit weg. Glaub ich. Weiß ja nicht genau, wo er ist. Dabei habe ich mich seit August durch mehrere Millionen Planeten gearbeitet, mein Raumschiff legt inzwischen mehrere hundert Lichtjahre pro Sekunde zurück und die verfluchten Drohnen der intergalaktischen Polizei lassen mich auch endlich in Ruhe, seit ich ein paar Bestechungsgelder habe fließen lassen. In meiner eisgekühlten Badewanne ist es inzwischen doch ein bisschen kalt geworden, und ich habe mich mit meinem Laptop wieder auf die Couch zurückgezogen, irgendwann im September. Habe ich schon erwähnt, dass "No Man's Sky" mindestens 18 Trillionen Welten hat?
Die Tür geht plötzlich auf und Torben starrt mich schockiert an. "Was zur Hölle ist denn mit dir passiert?" Mit erschrockenem Wieselblick gucke ich auf. "Woher hast du meinen Schlüssel?" "Ich hab den Schlüsseldienst kommen lassen, nachdem du dich seit mehreren Wochen auf keine Anrufe mehr gemeldet hast." "Ach, das ist also gar nicht Ihre Wohnung?", sagt der Mann vom Schlüsseldienst hinter ihm und Torben wedelt ihn wie eine nervige Fliege weg. "Natürlich nicht. Sehe ich aus, als würde ich in dem Loch hier wohnen wollen?" "Hamse recht", murmelt der Schlüsselmann und ich bemühe mich nicht mal zu einer vorgetäuschten Empörung, während mein Raumschiff einen von Monolithen übersäten Wüstenplaneten verlässt. Torben gibt dem Schlüsseldienst sein Geld und balanciert dann vorsichtig über die Pizzakartons auf meinem Wohnzimmerboden zur Couch. Er guckt mich kopfschüttelnd an und klappt ohne Vorwarnung meinen Laptop zu.
"Ey! Ich war gerade dabei, einen wichtigen Handelsdeal abzuschließen!", heule ich auf, aber Torben hat längst den Laptop aus meinen geschwächten Ärmchen gerissen und in seinen Rucksack gesteckt. "Ist mir völlig egal, wie viele Handelsdeals du noch abschließen musst und welche Welten du noch erkunden wolltest. Ich dachte, du spielst seit deinem Abi keine Computerspiele mehr?" "Ja, weil die immer so süchtig machen." Torben schnaubt und spart sich eine Antwort. "Aber das hier ist anders, das ist voll spannend zum Entdecken! So auf intellektueller Ebene auch!", versuche ich zu erklären, aber er ist offensichtlich nicht für die Feinheiten des intelligenten Spiels zu haben. Er hat ja auch immer nur "Mario Kart" gezockt.
"Okay", lässt er sich schließlich auf meine Argumentation ein, "ich geb dir was zu entdecken." Er holt zwei Bahntickets und einen Reiseführer aus der Tasche und drückt sie mir in die Hand. "In zwei Wochen fährst du an die spanische Grenze. Die Rückfahrt ist sechs Wochen später von Santiago de Compostela. Such dir deine eigenen Ressourcen auf dem Weg, weil dein Bankkonto inzwischen auch ziemlich leer sein dürfte. Und nein, du darfst deinen Laptop nicht mitnehmen."
"Aber ich kann nicht einfach sechs Wochen auf der Arbeit fehlen", wende ich ein, während Torben eine große Mülltüte aus der Tasche zieht und anfängt, den Müll in meinem Wohnzimmer einzusammeln. "Du wurdest vor einem halben Monat gefeuert, nachdem du nicht mehr aufgetaucht bist", sagt Torben, der offenbar meine ungeöffnete Post besser kennt als ich. "Jetzt hilf mir aufräumen und dann geh schon mal wandern üben. Ich habe einen Durchschnitt von 20 Kilometern pro Tag kalkuliert."


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner