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Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Gestresst und genervt


Liebe Freunde,
jedes Jahr, wenn der Herbst kommt, werde ich total hektisch. Ich vermute, es liegt daran, dass im Herbst die Tage immer kürzer werden. Im Herbst muss man an einem kurzen Tag genau soviel erledigen, wie im Sommer an einem langen Tag. Kein Wunder, dass ich im Herbst unentwegt gestresst, gehetzt und genervt bin. Das geht nicht nur mir so. Jeder ist genervt. Ich bin genervt, meine Familie ist genervt, meine Kollegen sind genervt, und auch die Leute, mit denen weder ich noch meine Familie, noch meine Kollegen irgendwas zu tun haben, sind genervt. Es nervt mich unglaublich, dass alle immerzu total genervt sind, dass jeder permanent unter Hochdruck steht, und sich von absoluten Nichtigkeiten aus der Fassung bringen lässt, aber genervt bin ich trotzdem. Beim Autofahren beispielsweise.
Wenn ich im Auto sitze, bin ich sofort genervt. Wenn ich an der Ampel warten muss und mit knallrotem Kopf und am ganzen Körper zitternd auf die Lichter starre, wenn ich konstatiere, wie mir der Kamm schwillt, weil ich nicht starten kann, weil mir die Zeit davon läuft, wertvolle Lebenszeit, die ich an der Ampel vergeude, nur damit ein paar tattrige Fußgänger über die Fahrbahn schlurfen können, dann bin ich nahe daran, die Fassung zu verlieren. Noch genervter bin ich, wenn ich eine halbe Ewigkeit im Kreisverkehr Kurven drehen muss, weil ich ständig die Ausfahrt verpasse. Dann liegen die Nerven blank, dann bin ich fertig mit der Welt. Vielleicht, denke ich, komme ich hier nie wieder heraus, vielleicht drehe ich hier bis ans Ende meiner Tage immer dieselbe Runde.
Genauso genervt bin ich beim Anstehen an der Kasse bei Aldi. Wenn die Kundin vor mir eine halbe Stunde nach ihren Rabattmarken sucht, und sich dann noch eine weitere halbe Stunde mit der Verkäuferin streitet, weil diese nicht bereit ist, ihr den Rabatt zu berechnen, da es sich nicht um Aldi-, sondern um Penny-Rabattmarken handelt. Dann spüre ich, wie mein Herz minutenlang aussetzt, wie mir meine Gliedmaßen absterben, und wie ich mit den Zähnen zu knirschen beginne. Es ist halb elf vormittags, gleich wird es dunkel werden, und meine beiden auf dem Warenband abgelegten Birnen beginnen allmählich zu verderben. Manchmal überlege ich, ob ich die Frau anschreien oder ohne zu bezahlen an der Kasse vorbei ins Freie stürmen sollte. Ich würde Zeit und Geld sparen und einmal ordentlich Dampf ablassen können. Aber ich mache es nicht, obwohl es mich unglaublich nervt, dass ich es nicht mache. Nein, ich warte, bis ich an der Reihe bin, bezahle meine Birnen und werfe sie anschließend weg.
Im Herbst nervt einfach alles. Wenn im Kino der Vorspann um einiges länger ist als der eigentliche Film, wenn der Alleskleber überhaupt nicht alles klebt, sondern eigentlich gar nichts, wenn bei jedem Schritt vor die Tür das Regenwasser in die Schuhe schwappt, wenn auf dem Spielplatz die Kinder ihre Eltern anschreien, wenn die Zeitungen schreiben, dass ein Pinguin tausend Kilometer gelaufen ist, um sich bei seinem Retter zu bedanken. Wie denn? Mit einer rührenden Ansprache, einer Medaille, einer Geldprämie? Ich würde es unendlich begrüßen, wenn die Leute aufhören könnten, dermaßen genervt zu sein, schon allein deswegen, weil sie dann nicht mehr so genervt wären. Aber sie tun es nicht, und ganz ehrlich das nervt, nervt, nervt.
Euer Doktor Axelrod Staff Winter