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Johann Janus' Kolumne

No Man's Spät-Summer


Es war heiß. Mindestens 50 Grad. Es war also reiner Selbstschutz, dass ich meine Rollläden verschlossen und drei Ventilatoren angestellt hatte. Mein Gefrierfach produzierte Eiswürfel in Dauerschleife, die ich in regelmäßigen Abständen in meine Badewanne einließ. Überlebenswichtig sozusagen. Außerdem hatte ich Urlaub, kein Geld, um an die Südsee zu reisen, aber dafür ein ganzes Universum auf dem Laptop. Sprichwörtlich. Denn äußerlich mochte ich zwar in einer eisgekühlten Badewanne mit dem Laptop auf der Ablage vor mir liegen, aber eigentlich war ich in "No Man's Sky". Ich flog durch den Weltraum und besuchte einen fremden Planeten nach dem anderen, in der Hoffnung, die große Vielfalt zu entdecken, zufällig generierte, intelligente Alienrassen zu bekämpfen. Bisher hatte ich vor allem bunte Luftklappen-Dinosaurier entdeckt, aber ein bisschen weiter in den Tiefen des Universums würde das sicher anders werden.
"Johann!", klopfte es plötzlich an der Tür, als ich gerade eine Höhle einer vermutlich intelligenten Alienart erkundete. "Was los?", gab ich zurück, ohne den Blick zu heben. "Ich bin's Christine. Kommst du mit an den See?", rief meine Nachbarin durch die versperrte Wohnungstür. "Geht nicht. Bin am Computer - spielen", weigerte ich mich, aus meiner bequemen eisgekühlten Lage aufzustehen und ihr aufzumachen. "Und wie lange brauchst du noch?", fragte sie. "585 Millionen Jahre", antwortete ich, "wahrscheinlich länger."
Immerhin hatte das Spiel rund 18 Trillionen Planeten, die, von einem Software-Algorithmus berechnet, erstellt werden. Wenn ich jeden Planeten nur eine Sekunde lang besuchen würde, bräuchte ich besagte 585 Millionen Jahre. Und auf dem Planeten, auf dem ich gerade war, weilte ich schon fünf Minuten. Zeit, weiterzufliegen, dachte ich und sprang zurück in mein Raumschiff. "Du bist doch verrückt", schüttelte Christine hörbar den Kopf. "Wir gehen jetzt an den Hufi. Das dauert nur ein paar Stunden." Macht ihr mal, dachte ich und betrat einen Planeten voller überdimensionierter Stauseen mit blütenweißen Sandstränden. Wer brauchte da schon den Hufeisensee? Als draußen die Sonne unterging (was ich natürlich nicht sah, ich hatte ja die Rollläden unten, aber meine Wetter-App auf dem Desktop zeigte es mir an), war ich schon vier Galaxien weiter, hatte ein wenig mit Aliens gehandelt und dadurch mein Schiff doppelt so schnell gemacht. Ein erfolgreicher Tag. Am See hätte ich sicherlich deutlich weniger erlebt.
Natürlich konnte ich nicht die 585 Millionen Jahre durchspielen, das wär ja Unsinn. Irgendwann musste ich ja auch mal aufs Klo gehen. Aber der Sommer war noch lang und der einzige gute Grund, nicht durchzuzocken, meine Stromrechnung. Immer noch billiger als Cocktails trinken, oder? Wir sehen uns dann im Oktober. Zum Semesterbeginn mache ich die Rollläden wieder hoch. Versprochen. Und dann komme ich auch dazu, alles Weitere aufzuschreiben. Denn inzwischen ist ja schon September. Und ich sitze immer noch hier, denn irgendwo entdecke ich bestimmt noch etwas Mega-spannendes ...


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner