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Dr. Winters Kolumne

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Greensleeves in Portugal


Liebe Freunde,
seid Ihr schon einmal von einem Straßenmusiker verfolgt worden? Ja? Ich auch. Im Urlaub in Portugal. Portugal ist ein fabelhaftes Land. Es gibt Sonne und den Atlantik und bizarre Höhlen aus Sandstein am Ufer. Und wenn man bei Ebbe am Strand ist, hat man das Gefühl, sich unterhalb der Wasseroberfläche zu befinden. In Portugal gibt es aber auch unglaublich schräge Straßenmusiker. Sie kommen alle aus England und wirken total überfordert und gestresst. Einige von ihnen sehen aus wie Verschwörungstheoretiker auf YouTube, Ihr wisst schon, dürre, ältliche Männer mit fusseligem Bart und einem nicht enden wollenden Pferdeschwanz. Sie spielen "Heart of Gold" auf einer Blockflöte und tragen T-Shirts, deren Ärmel so weit sind, dass mindestens fünf Arme hindurch passen. Den meisten von ihnen wird Geld gegeben, damit sie nicht spielen. Damit ist jedem gedient. Weil alle haben, was sie wollen. Die einen das Geld, die anderen ihre Ruhe.
Aber es gibt auch andere, wenig einsichtigere Exemplare von Straßenmusikern. Die spielen einfach weiter. Verschrobene Instrumentalisten, die mit ihrer Musik andere Menschen erschrecken wollen oder die Absicht verfolgen, ihnen den Abend zu verderben. Von oben bis unten tätowierte Rockgitarristen, die einen mit Songs wie "Music Was My First Love" oder "Bed of Roses" quälen. Ein besonders ausgeprägtes Beispiel dieser Gattung habe ich kennengelernt. Es war eine extrem dürre Musikerin mit halblangem, durchsichtigem Haar. Jeder Urlauber hatte Angst vor ihr, jeder. Weil sie so penetrant sein konnte. Sie spielte Geige. Dabei nahm sie eine der ungewöhnlichsten Körperhaltungen ein, die bei einer Geigerin vorstellbar sind. Sie stand mit beiden Füßen fest auf dem Boden und streckte das rechte Bein sehr weit nach vorn, während sie das linke angewinkelt nach außen beugte. In dieser Stellung federte sie leicht in den Knien. Das sah alles andere als schön aus. Manchmal hielt sie die Geige nur mit ihrem Kinn fest und ruderte mit beiden Armen in der Luft herum. Wenn sie spielte, geriet sie in eine ungeheure Erregung, Nervosität. Dann steigerte sich das Federn zum Hüpfen und ihr Arm ließ den Bogen in einer derartigen Ekstase über die Saiten säbeln, dass man um die Unversehrtheit all jener Personen fürchten musste, die sich nicht vorsorglich in Sicherheit gebracht hatten.
Bekleidet war sie mit viel zu weiten Leggins, einem rosa Unterhemd und Badelatschen. Ihr Repertoire bestand aus zwei Titeln: "Greensleeves" und "Greensleeves". Und dann noch einmal "Greensleeves" in einer stark beschleunigten Fassung. Allerdings spielte sie die Lieder mit einem derartigen Zorn, dass sie niemandem gefielen. Außerdem fluchte sie die ganz Zeit hindurch und beschimpfte die Zuhörer, wenn diese ihre Darbietung nicht finanziell honorierten. Nach dem letzten Ton ging sie von Tisch zu Tisch, hielt eine Art Klingelbeutel in die Höhe und starrte einem solange in die Augen, bis es schmerzte. Wenn man stark blieb und ihr kein Geld gab, begann sie sofort wieder zu spielen. Wenn ihr jemand Geld gab, nahm sie die Verfolgung der betreffenden Person auf, um durch eine nochmalige Aufführung von "Greensleeves" eine weitere Spende zu erzwingen. Manchmal, wenn man glaubte, sie abgeschüttelt zu haben, sprang sie aus irgendeiner Seitengasse hervor, nahm ihre Geige und spielte "Greensleeves". Wenn ich seitdem irgendwo "Greensleeves" höre, renne ich instinktiv weg. Aber davon einmal abgesehen: Portugal ist wirklich großartig!
Euer Doktor McKennit Williams Winter