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Johann Janus' Kolumne

Mission 5: Nutria-Rechte


"Janus, guck mal, sie kann schon Männchen machen!", ruft Torben begeistert zu mir herüber. Er hält eine Karotte in der Hand, hoch ausgereckt, vor ihm hoppelt ein Nutria auf den Hinterbeinen, sich verzweifelt nach oben reckend. "Sei nicht so gemein, gib ihr die Möhre!", werfe ich zurück und bewege meinen Läufer auf dem Schachbrett vor. "Und tu nicht so, als ob sie jetzt die intelligenteste aller Nutrias wäre." Torben grummelt etwas in seinen gestutzten Bart und lässt das Gemüse zu seinem Lieblingsnutria herunterfallen. Sie schnappt es sich und knabbert zufrieden daran herum.
Wir sitzen natürlich nicht zum reinen Vergnügen auf der sonnigen Würfelwiese, trinken Sterni und bespaßen Nutrias. Ist ja nicht so, als ob wir nicht Wichtigeres zu tun hätten. Wir sind auf der letzten Mission zur Repopularisierung Halles, um den Vorsprung Magdeburgs endgültig wieder aufzuholen. Nachdem unsere diversen Versuche der letzten Monate tendenziell als gescheitert betrachtet werden dürften, haben wir nun beschlossen, die Anerkennung der Nutria-Rechte voranzubringen, bis wir sie eines Tages als offizielle Einwohner Halles mitzählen lassen dürfen. Da kann Magdeburg nicht so schnell aufholen, in einer Hinsicht sind die Nager nämlich definitiv schlauer als Menschen: Sie siedeln nicht in Magdeburg. Außerdem kriegen sie zweimal im Jahr Kinder und werden anders als die menschlichen Einwohner Halles eher mehr als weniger.
"Aber Nutrias, das sind doch nur ein paar dumme Wasserratten, die sind dreckig und klauen einem das Picknick", hatte ein konservativer Stadtangestellter auf unsere erste Anfrage geantwortet. Das halten wir natürlich für ein furchtbares Vorurteil, begründet in der üblichen Angst vor neuen Mitbürgern, Unwissen und antinutristischer Propaganda. Deshalb verbringen wir jetzt mehrmals täglich Zeit mit unseren Mit-Hallensern und laden Freunde zum gemeinsamen Picknick ein, um die allgemeine Akzeptanz zum Umschwung zu bringen. Die beste Möglichkeit für Toleranz ist schließlich schon immer gewesen, sich besser kennenzulernen. Schade, dass das so viele Leute noch nicht so wirklich begriffen haben. Aber wir stellen einen dezenten, wahrnehmbaren Wandel fest: Zu unserem wöchentlichen Nutria-Picknick kommen regelmäßig mehr Menschen (und Nutrias), und das einst als Delikatesse gefeierte Nutriafleisch ist in gewissen Kreisen bereits genauso verpönt wie Nutrianerzschals.
Inzwischen ist aus unserem ursprünglichen Ziel, die Population Halles wieder über jene Magdeburgs zu heben, längst ein Herzensanliegen geworden. Sollten diese klugen kleinen Nager nicht die gleichen Rechte haben wie wir? So mancher mag einwenden, dass wir damit die Menschenrechte relativierten, aber wir verlangen ja nicht, dass man irgendeinen Menschen dafür schlechter behandle. Übertreibt Torben ein wenig, wenn er seinem Lieblingsnutria eine vegane Geburtstagstorte backt? Schießen wir übers Ziel hinaus, wenn wir bei Corax eine auf die Interessen von Nutrias angepasste Sendung beantragen? Ja, vielleicht. Aber das schadet ja niemandem.
"Johann, glaubst du tatsächlich, dass sie sie eines Tages anerkennen werden?", fragt Torben und beobachtet uns beim Schachspiel. "Ich hoffe doch. Schließlich birgt das Zusammenspielen aus Mensch und Nutria so viele Gewinne für beide Seiten", bestätige ich und schlage Goldies Dame. Goldie regt sich wild gestikulierend auf. "Ach komm, Goldie, die hast du mir doch geradezu präsentiert!", rufe ich, aber Goldie quiekt, wirft das Schachbrett um und hüpft zurück in die Saale. Ich seufze. "Wenn sie nur nicht so furchtbar schlechte Verlierer wären."


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner