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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Körper und Körperbilder


Das vielleicht Schönste am Sommer ist die leichte Bekleidung der Menschen. Man sieht herrliche Körper, tolle Haut und viele andere Sachen, die einem an der jeweiligen Zielgruppe gefallen.

Allerdings sieht man zwischendurch auch Dinge, die besser nicht zu sehen wären. Also weniger herrliche Körper und keine so tolle Haut, eher schon hängende Gärten. Dabei ist auffällig, mit welchem Selbstbewusstsein manche Menschen ihre äußerlichen Defizite präsentieren, als wären sie bei GNTM. Oftmals sind das dieselben, die ihre geistige Schlichtheit mit dem Stolz eines Nobelpreisträgers tragen. Das ist andererseits ein Vorteil, weil die Dummheit die Hässlichkeit ignoriert. Allerdings ist es manchmal ein schmaler Grat zur visuellen Körperverletzung.
Ich meine natürlich nicht die Menschen, die für ihre Defizite nichts können und darunter leiden. Die haben auch selten das passende Ego zu ihrer Erscheinung. Ich meine die, die ihre Defizite selbst zu verantworten haben. Die aus den Discountern aller Art stürzen, vollgepackt mit billigem und ungesundem Zeug, wenn es geht Fluppe in der einen und Zuckerwasser in der anderen Hand. Ach nee, das war das Kind. Bei manchen trifft es der Begriff Bikini-Figur nicht wirklich, eher irgendwas mit Zelt. Nachdem wir vor einigen Jahren unsere Mädchen vor Bulimie gewarnt haben, scheint mir der Sommerreifen wieder stark in Mode gekommen zu sein, wobei eine fette Bemme beim Auto mehr Sinn macht, als an der Hüfte. Dann denke ich, das mit der Verschleierung hat nicht nur Nachteile.
Interessanterweise waren früher die Reichen fett und aufgequollen, weil die es sich leisten konnten. Heute ist es eher Zeichen einer kranken Konsumwelt, die das schlichte Gemüt als Opfer findet. Außerdem überkommt mich immer öfter ein Gefühl der Nacktheit, weil ich als scheinbar Einziger nirgends tätowiert bin. Schon bei der Fußball-EM war klar zu sehen, dass die Trikots das Wesentliche verdeckten: Die Tattoos! Manche schossen nur Tore, um sich im Jubel das Trikot ausziehen und allen die Tattoos zeigen zu können. Allerdings gewöhnt man sich schnell an den Anblick, wenn es ganz viele machen. Und irgendwann schaut man gar nicht mehr hin, weil es zu viele sind. Spätestens dann hat es seinen Sinn, das Besondere verloren.
Waren es anfangs nur die Arme, hat man heute das Gefühl, die, die nur am Arm tätowiert sind, haben wohl mittendrin aufgehört. Früher hatten die Tattoos klare Botschaften, z.B. Mädels mit großen Brüsten. Oder das Arschgeweih war geografisch so günstig gelegen, dass man hinschauen musste. Und heute? Neulich sah ich etwas Irritierendes: Eine junge Zielgruppenteilnehmerin kam mir entgegen, kurzes Top, kurze Hose, kurze Leine mit Hund dran, der zu kurze Beine hatte. So ein Kleiner, mit fettem Gesicht, sabbernder Schnauze und etwas dümmlichen Augen. Also ein süßer Fratz. Jedenfalls dachte sich das Frauchen so etwas und hat sich die sabbernde Schönheit auf den Oberschenkel tätowieren lassen. Hoffentlich ohne den Sabber.
Aber warum? Als Phantombild, falls er mal wegrennt? Als Verhüte-Hund? Will sie den Männern sagen, wer in meine Höhle will, muss am Hund vorbei? Wird sie sich auch mal ihre Kinder tätowieren lassen? Ich meine, ein Schenkel war noch frei. Werden die später, im Plissee-Alter, nicht aussehen wie Gremlins? Andererseits hatte sie damit fast noch so eine Art Message. Die meisten Tattoos hingegen sind nur da, jedenfalls kann ich damit nichts anfangen. Da fehlt mir der Hintergrund. Manche sehen aus wie eine Gothic-Tapete. Andere scheinen eine komplizierte Kindheit bildlich verarbeitet zu haben oder haben das Hakenkreuz mit einer Windrose verwechselt. Natürlich aus Versehen, weshalb das Tragen von Nazisymbolen als Tattoo juristisch nur mit einer Bewährung geahndet wird. Man geht davon aus, dass die das nach der Urteilsverkündung abwaschen.
Aber was könnte man denn noch verewigen? Die Marke des Smartphones? Das Fitness-Studio, in dem man trainiert? Die Firma, in der man arbeitet? Ich meine, da eignet sich nicht jede. Und was ist beim Firmenwechsel? Auch Hartz IV sieht als Schriftzug scheiße aus. Das scheint mir noch ein weites, unbearbeitetes Marketing-Feld zu sein. Denn nichts anderes ist es am Ende - ein Marketingerfolg, eine Mode! Und die kann auch vergehen. Und dann? Wäre es nicht besser, man benutzt den guten alten Aufkleber wieder? Da kann man sogar die aktuelle Freundin am Mann tragen. Und falls die mal ausgewechselt werden muss, tauscht man eben den Aufkleber. Die ohne Aufkleber sind wahrscheinlich Single. Und das Waxing ist inklusive. Nur Vorteile!
Viel Spaß damit,
ciao, Euer Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade