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Dr. Winters Kolumne

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Der neue Zeitgeist


Liebe Freunde,
gestern bin ich wieder einmal dem Zeitgeist begegnet. Du lieber Himmel, hat der sich verändert! Aus ihm ist ja ein richtiger Stänkerer geworden. Früher war er total lässig und unorthodox, beinahe hübsch. Früher war er jemand, der ab und zu auch mal gelächelt hat. Nicht immer, das geht nicht, wenn man der Zeitgeist ist. Aber doch so oft, dass man sich wohl gefühlt hat. Damals trug der Zeitgeist auch noch bunte Klamotten und hat Uniformen als absolut lächerlich disqualifiziert. Und weil es der Zeitgeist gemacht hat, haben es alle gemacht.
Das war auch so, als er plötzlich mit einem Smiley-T-Shirt ankam. Schon am nächsten Tag rannte jeder mit so einem T-Shirt herum. Es war so entspannt, so unglaublich optimistisch. Man wachte früh am Morgen auf und im Radio lief "Let The Sunshine In", und dann kam der Sonnenschein herein und man saß mit ihm und dem Zeitgeist beim Frühstück. Und der Zeitgeist sagte: "Ich habe einen Plan, wie alles gut werden wird!" Und während der Sonnenschein applaudierte, kippte sich der Zeitgeist seine Tasse Kaffee hinunter. Das war ja das Erstaunliche an ihm, dass er immer voller guter Ideen steckte und die so nebenbei unters Volk streute. Und wenn man ihn fragte, wie dieser Plan denn aussähe, dann konnte er ihn sogar erklären. "Wir bauen eine neue Welt voller Liebe und Frieden", sagte er, "eine Welt ohne Gewalt, ohne Hass, voller Verständnis füreinander und mit jeder Menge Vernunft. Eine Welt, in der man bemerkt, wenn etwas schön ist, und in der man es cool findet, etwas Gutes zu tun!"
Wenn er davon sprach, klang das absolut plausibel und richtig. Damals war er ja auch der Ansicht, dass es wichtiger wäre, etwas im Kopf zu haben, als sich einen Haufen barbarischer Muskeln anzutrainieren, und dass es bekloppt ist, Panzer zu bauen und Schnellfeuergewehre und Flugzeugträger. Und dass jemand, der diese Geräte tatsächlich benutzt, auf seinen Geisteszustand hin untersucht werden muss. Außerdem hat er jedem das Recht zugestanden, nach seinen eigenen Vorstellungen zu leben, solange es keinem anderen schadet. Das war so einleuchtend, dass man zu der Ansicht tendierte, es könne funktionieren. Hat es aber nicht, und heute tut er so, als ob das alles ein Riesenirrtum gewesen ist, als ob man sich dafür schämen müsste, so etwas wie "Liebe" oder "Frieden" zu sagen und ein Smiley-T-Shirt zu tragen.
Er ist eine vollkommen andere Person geworden. Man kennt das ja, aus hübschen Leuten werden hässliche, weil sie zu oft enttäuscht worden sind oder belächelt oder weil man sie in einer Tour gelinkt hat. Manchmal werden sie dann zum genauen Gegenteil dessen, was sie vorher waren. Genau das ist mit dem Zeitgeist passiert. Er fühlt sich überhaupt nicht mehr wohl in seiner Zeit. Das merkt man ihm an. Heute lade ich den Zeitgeist nicht mehr zum Frühstück ein. Er hat sich eine Masse Muskeln antrainiert und brüllt herum, dass er es allen zeigen wird und so ein Zeug. Beim letzten Mal hat er die Kaffeetasse auf den Boden geworfen, und das schwarze Zeug ist rüber bis zum Kühlschrank geschwappt. Und als ich ihn darauf hingewiesen habe, dass mir dieser Fleck auf dem Boden einiges an Missfallen bereitet, hat er nur auf sein Smartphone geglotzt und "Halt die Fresse!" gesagt. Danach ist er aufgestanden, hat seinen Drillich übergeworfen und sich darüber aufgeregt, dass im Radio "Let The Sunshine In" gelaufen ist. Also, ich weiß ja nicht, aber ein bisschen entspannter könnte er schon wieder werden, der Zeitgeist.
Euer Doktor Landwehr Zippelius Winter