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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Wir schütten uns zu


Dresden hat eine neue Stufe der Stadtentwicklung erklommen. Nachdem wir oftmals nicht bauten, weil wir uns nicht sicher waren, ob wir es so oder anders wollen bzw. gern warten, bis auch der letzte Dresdner seinen Bautz'ner Senf dazu gegeben hat, haben wir nun ein Problem mit etwas Vorhandenem. Stritten wir bisher heftig über eine Brücke und erwogen dabei einen Tunnel, geht es diesmal um einen Tunnel, der da ist, aber weg soll. Oder so. Genau wissen wir es wieder nicht. Wir können uns nämlich nicht festlegen, ob wir den Tunnel zuschütten sollen oder nicht. Oder nur eine Seite.
Man könnte denken, es geht um ein kilometerlanges Bauwerk durch das sächsische Hochgebirge, das zu den Weltwundern zählt und dessen Existenz unsere Zukunft als Stadt bestimmen wird, quasi ein Saxony-Gotthard-Tunnel. Nein, es geht um den kleinen unscheinbaren Fußgängertunnel zwischen Augustusbrücke und Hauptstraße, unter einer stark befahrenen Straße hindurch, der dummerweise bei ungünstigem Grundwasserstand und noch ungünstigerem Elbepegel mit Wasser vollzulaufen beliebt. Wie 2013, weshalb er seitdem geschlossen ist.
Und seitdem wird gestritten. Nein, gekaspert! Erst entschied der Stadtrat, den Tunnel zuzuschütten, sagt dann: "War nur ein Gag. Nicht so gemeint." Um nun erneut zuschütten zu wollen. Da haben einige den vollen Tunnelblick! Im Prinzip geht es um die Frage: Will man einen Tunnel für Fußgänger und Radfahrer, der dummerweise manchmal vollläuft und Wartungskosten verursacht? Oder schickt man das Fußvolk an einer Ampel über die Straße? Übrigens könnte ich mir auch eine Brücke vorstellen oder einen Kreisverkehr oder eine weitere blaue Verkehrsidylle. Aber Ideen braucht keiner, es geht nur um Kosten. Sinnvoll? Vernünftig? Egal! Zudem kommt eine Entscheidungshilfe ins Spiel, die Fördermittel heißt. Das Zuschütten würde finanziell gefördert. Aha! Warum reden wir dann noch? Macht es!
Ich glaube, selbst der Zwinger würde mit genug Fördermitteln sofort planiert werden, denn er verursacht Wartungskosten und war bei der Flut auch ein Problem. Ich frage mich manchmal, wie bescheuert Sachsens Könige gewesen sein müssen, den ganzen Barockwahnsinn ohne Fördermittel zu bauen. Okay, die brauchten keine und haben das Volk bluten lassen. Ist das heute anders? Fördermittel kommen auch vom Volk! Manche Stadträte glauben, sie hätten den Sachverstand, zu entscheiden, was richtig ist. Dabei entscheiden die meisten nur, was die Partei vorgibt. Jetzt werden Kritiker einwenden, ich hätte auch keine Ahnung. Stimmt, das ist aber in Dresden wurscht, wenn es sich rechnet.
Visionen? Was war das noch mal? Hätten wir in Dresden welche, würden wir uns nicht um Karten für Dynamo streiten, weil das Schmuckkästchen überraschend zu klein ist oder könnten große internationale Ballsport-Events in einer richtigen Halle anbieten. Da rede ich noch nicht von Kultur- oder Verkehrskonzepten. Nehmen wir mal unsere Partnerstadt Hamburg. Für verrückte Summen setzen die gerade wahnsinnige Visionen um, z.B. Speicherstadt, Hafencity oder Philharmonie. Und wir? Wir sind schuldenfrei! Aber Hamburg wird man noch in vielen Jahren staunend bewundern und in Dresden wird man weiter von der Schuldenfreiheit erzählen. Nur wird uns deswegen keiner besuchen. Höchstens wegen eines zugeschütteten Tunnels - um darüber zu lachen.
S isso!
Ciao, Euer Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade