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Johann Janus' Kolumne

Mission 4: An die Kabelske


Nachdem die Versuche unserer Initiative zur Populisation offensichtlicher Prädestiniertheit (iPop), die Einwohnerzahlen Halles durch Passfälschungen in die Höhe zu treiben, gescheitert sind, entschlossen Torben und ich uns, das mit der Illegalität anders anzugehen. Seit Anfang des Jahres hielten wir uns mit Einzelzahlen auf, hier ein paar Studenten, da eine Handvoll Babys, zuletzt einige gefälschte Pässe. "Wir müssen größer denken!", verkünde ich, "Wer 100 Euro klaut, kommt in den Knast, wer 100 Millionen Euro klaut kommt in den Vorstand! Wenn wir Menschen in die hallische Statistik schummeln wollen, dann müssen wir es richtig angehen. Nimm dir Putin zum Vorbild!" "Putin zum Vorbild?", fragt Torben irritiert, "aber ich habe gar nicht so einen stählernen Oberkörper wie er!" Ich winke genervt ab. "Nicht das. Die Krim!" Torben scheint noch immer im Dunkeln zu tappen wie nach unserem Einbruch ins Einwohnermeldeamt. (Wir hatten die Taschenlampen vergessen.) "Wenn Halle Kabelsketal annektiert, bekommt Halle auf einen Schlag 8.828 Einwohner mehr!" "Aber was wollen wir denn mit Kabelsketal? Da gibt's doch nüscht!" "Doch, Menschen! Die sich auch endlich Hallenser nennen wollen, aber nicht aus ihrem Kaff wegwollen! Wen kümmert's, dass niemand sonst nach Kabelsketal will, das ist doch bei der Neustadt auch nicht anders, und trotzdem haben wir die uns 1990 einverleibt! Außerdem gibt's da ein Kabel-Deutschland-Kundenservice-Center."
Torben wägt die Möglichkeiten ab, trinkt einen Schluck von dem Original-Krimsekt, den ich ihm eingeschenkt habe, und nickt schließlich. "Okay, aber wie machen wir das?" "Wir besetzen das Kabel-Deutschland-Kundenservice-Center und erpressen alle Kabel-Kunden, dass wir ihnen erst wieder kompetenten Service ermöglichen, wenn Kabelsketal offiziell eingemeindet ist. So erzeugen wir Druck von unten", erkläre ich meinen ausgeklügelten Plan. "Ganz einfach." Drei Stunden später (davon eine halbe Stunde Vorbereitungszeit, der Rest Fahrtzeit) stehen wir in Großkugel und gucken uns skeptisch um. "Hier sollen 8.000 Menschen wohnen?", fragt Torben mit hochgezogener Augenbraue. Schaudernd gehen wir durch die leergefegten Straßen sachsen-anhaltischer Provinz. "Wo sind die alle hin?", murmele ich, als wir zugenagelte Fenster und leerstehende Geschäfte passieren. Torben deutet grinsend auf eine abgefledderte Notiz an einem leerstehenden Angelgeschäft: "Zu verkaufen wegen Umzugs nach Halle".
Zugegeben, es ist auch Sonntagnachmittag und nicht unbedingt das schönste Wetter, sicher sitzen noch zehn oder elf Leute in ihren hübsch eingerichteten Wohnungen vor dem Fernseher, und am Montag macht bestimmt die Bäckerei an der Eck auch wieder auf. Trotzdem bekommen wir irgendwie Mitleid. Natürlich könnte Halle ein paar mehr Einwohner haben, besonders im Vergleich zu Magdeburg. Natürlich haben wir Leerstand und eine schwache Wirtschaft, die abgeschlossenen Bachelorstudenten verschwinden und wer einen guten Job sucht auch. Aber dafür kann Großkugel nun wirklich nichts, denn die wenigen Zuzügler, die Städte wie Halle noch zu verzeichnen haben, kommen meist aus genau diesen Ortschaften, nachdem der örtliche Kindergarten geschlossen wurde und die Verwaltung mit der der benachbarten vier Ortschaften zusammengelegt wurde.
"Ich glaube, wir sollten iPop nicht auf Kosten von Kabelsketal durchsetzen", nickt Torben, als wir wieder in die S-Bahn zurück nach Halle steigen. "Ich halte unsere letzte Mission ohnehin für aussichtsreicher." "Und zwar?" "Den Nutrias Menschenrechte zusprechen."


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner