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Dr. Winters Kolumne

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Im Anorak am FKK


Liebe Freunde, soeben bin ich aus Heringsdorf von einem Kurzurlaub in der Vorsaison zurückgekehrt. Wenn man in der Vorsaison Urlaub macht, bedeutet das, dass die Hotelzimmer sehr günstig sind, dass nirgendwo etwas los ist, und man unentwegt friert. Selbst wenn die Badebekleidung in den Schaufenstern der Boutiquen und Sportgeschäfte hin und wieder einen etwas sommerlichen Eindruck erweckt, bleibt es eine unumstößliche Tatsache, dass es einem unentwegt schrecklich kalt ist.
Wenn man in der Vorsaison am Strand entlang geht, einem häufig noch mit großen Eisschollen bedeckten Strand übrigens, begegnen einem ausschließlich Menschen, für die Begriffe wie Saison keine Bedeutung mehr haben. Sie haben graues Haar, graue Jacken und kleine graue Hunde, die keine Lust mehr auf Spaziergänge haben und von ihren Besitzern geschleift oder getragen werden. Im Gegensatz zu den Hunden bin ich allerdings jeden Tag hunderte von Kilometern am Strand entlang gewandert. Dabei hat sich in meinen Schuhen so viel Sand angesammelt, dass sich meine Schuh- bzw. Fußgröße von der 44 auf die 36 reduziert hat. Das ist sehr schmerzhaft gewesen. Trotzdem habe ich es bis zur Steilküste geschafft.
Wenn man von der Steilküste auf das Meer blickt, leuchten die Schiffe extrem weiß am Horizont, was den Eindruck erweckt, da draußen würde immer die Sonne scheinen und es wäre nicht mehr sonderlich weit bis nach Afrika. Und an der Reling eines jeden Dampfers stünde ein angeketteter Elefant und auf dem Boden der Kapitänskajüte läge eine riesiges ausgestopftes Krokodil und ein Matrose säße auf einem Ballen Baumwolle und spielte Mundharmonika. "Rolling Home" oder "Sailing", irgendetwas in der Richtung.
Dann aber ziehen wieder Wolken auf und man wird sich plötzlich der Tatsache bewusst, dass man sich in der Vorsaison befindet, der Zeit, in der die Leute mit Anorak, Mütze und Schal über den FKK-Strand laufen und nicht dafür bestraft werden, und in der die Eisverkäufer ohne finanzielle Rücklagen abends hungrig ins Bett gehen müssen.
Alle warten auf die Hauptsaison, die Kellner, die wegen eines Gastes, der von 20 bis drei Uhr morgens mit einem Grog, den er sich immer wieder aufwärmen lässt, die Bar blockiert, die Animateure in der Hotellobby, die ihr Kinderprogramm an zwei polnischen Reserveoffizieren ausprobieren, ausgesprochen geduldigen Menschen, die alles über sich ergehen lassen und nur beim Schminken ein wenig protestieren, und die Verkäufer von Andenken, die von den Wünschen ihrer Kunden nach kleinen Schneemännern aus Treibholz überfordert sind.
In der Vorsaison Urlaub zu machen, bedeutet, dass man absolut keine Kinder sieht, und dass man sich an Regentagen mit der unglaublichen Misere unseres Daseins und einem großen Teil des Elends der ganzen Welt auseinandersetzt, weil es immer noch schöner ist, als ins Freie zu gehen. Andere vertreiben sich die Zeit, indem sie an einer Fischgräte herumwürgen, aber das ist schon etwas speziell.
Und wieder andere begnügen sich damit, im Regen auf dem Balkon zu sitzen und sich darauf zu freuen, dass sie schon bald wieder ins Berufsleben zurückkehren dürfen. Jeder Urlaub geht schließlich einmal vorbei. Selbst der in der Vorsaison. In großer Vorfreude auf einen Urlaub in der Saison verbleibe ich Euer
Doktor Bansin Koserow Winter