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Johann Janus' Kolumne

Mission 3: Erstwohnsitz Halle


"Einwohnerzahlen sind hauptsächlich ein statistisches Konstrukt", befinde ich in der Sitzung unserer Initiative zur Populisation offensichtlicher Prädestiniertheit (iPop), die die Einwohnerzahlen Halles wieder über die Magdeburgs triumphieren lassen will. Unsere Sitzung, das sind Torben, ich und mein hinkender Kater. Leider hat unser Mangel an Mitstreitern unsere Verhandlungsposition bei der Streichung der Langzeitstudiengebühren sehr geschwächt, und der Ausschluss besorgter Bürger macht die Nachwuchsstrategie auch wenig aussichtsreich. Zeit für Mission 3. Revolutionäre Bewegungen mussten immer irgendwann mit einer kleinen Personenanzahl auskommen, und meistens taten sie das durch die effektivste Variante: Den Schritt in die Illegalität. Dafür brauchte man gefälschte Pässe, geklaute Autos, konspirative Wohnungen, Waffen und Geld. Meistens scheitert es schon daran. Wir jedoch, der Geheimbund iPop, braucht gar nicht so weit gehen. Gefälschte Pässe, das ist alles, was wir brauchen. Da wir leider keine Kontakte in die hallische Unterwelt haben (außer Marcus, der in der 7. Klasse mal einen Kaugummiautomaten geknackt hat), müssen wir wohl oder übel selber tätig werden.
In einer lauen Aprilnacht setzen wir die schwarzen Sturmmasken auf, positionieren den hinkenden Kater als Schmiere stehenden Komplizen und entern das Bürgeramt. Einen Monat haben wir dafür geprobt, in Torbens staubigem Keller und in der Freyberg-Brauerei, und so schaffen wir es beinah lautlos, eine Seitentür mit dem Brecheisen aufzuhebeln. Sie war allerdings auch unverschlossen. Wir schleichen uns durch die vom silbrigen Mondlicht durchschienenen leeren Büros, vorbei an unaufgeräumten Schreibtischen, Kaffeetassen mit Sprüchen und Ausdrucken von Screenshots lustiger Katzenvideos und finden schließlich den Schreibtisch von Herrn XXX (Schwärzung aus geheimbundtechnischen Gründen). Herr XXX hat eine Schublade mit Blanko-Personalausweisen, mindestens 150 Stück. Müssen nur noch bedruckt werden. Triumphierend krallen wir uns 56 Stück (um Magdeburgs Vorsprung von 28 Einwohnern klar einzuholen) und machen uns aus dem Staub. "Wenn Marcus das wüsste", kichert Torben, als wir zusammen mit dem hinkenden Kater in unsere konspirative Wohnung (meine WG) zurückkehren. Der Rest ist ein Kinderspiel: Namen und Adressen ausdenken, Jenny die Künstlerin mit Kaffee und Chiasamen bestechen (sie hatte schon immer so einen Hang zur Illegalität) und sie in feinster Computerschrift-Kalligraphie einen Haufen gefälschter Pässe anfertigen lassen. Na gut, für uns ist das ein Kinderspiel, für Jenny wahrscheinlich nicht. Aber was tut man nicht alles für die richtige Sache?
Als wir mit den ersten zwei Pässen ins Einwohnermeldeamt gehen, um uns als Neuankömmlinge "Peter Çazrny" und "Julio Goméz-Goméz" mit Erstwohnsitz zu melden, lächelt die Sachbearbeiterin milde, als hätten wir versucht, mit einer Klopapierrolle unseren Führerschein zu beantragen. "Witzig. Und jetzt die Richtigen bitte?" Torben und ich gucken uns hilflos an und geben ihr dann unsere richtigen Pässe. Irgendwie sind wir einfach nicht für die Illegalität gemacht. "Sie sind ja schon Hallenser", sagt sie zu Torben, "aber Sie, Herr Janus, haben bisher nur den Zweitwohnsitz hier gemeldet. Wollen Sie auch als richtiger Hallenser in die Statistik?" Ich werde ein bisschen rot, weil ich daran noch gar nicht gedacht hatte, werfe einen entschuldigenden Blick zu Torben und lasse mich dann mit Erstwohnsitz melden. Wieder ein Hallenser mehr.


Wort: Jesko Habert / Bild: Sabine Kirchner